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16.03.2017

Weniger ist mehr!

Rote Gruppe der Kita Stadtmitte „spielt ohne Spielzeug“

Einen Tag lang haben sich die Mädchen und Jungen der Roten Gruppe in der städtischen Kita "Stadtmitte" auch mit dem Werkstoff Wolle beschäftigt. Dabei entstand die diese beeindruckende Wollspinne. Erzieherin und Gruppenleiterin Anja Himmelmann (hinten) und Kinderpflegerin Mona Alghreba sind beeindruckt von der Konzentration der Kinder. Foto: Stadtverwaltung Schwelm / Heike Rudolph

In der städtischen Kindertagesstätte „Stadtmitte“ in der Märkischen Straße 4 geht es lebhaft zu. Doch die 24 Mädchen und Jungen der „Roten Gruppe“ spielen zurzeit nicht mit Plüschtieren, Puppen oder Puzzles. Sie spielen vielmehr ohne Spielzeug.

 

Den Erzieherinnen der Kita war aufgefallen, dass es beim Spielen mit üblichem Spielzeug auch ein Zuviel des Guten geben kann. Die ständige Verfügbarkeit von Spielmaterial führt zum schnellen Reizverlust. Was eben noch begeistert in die Hand genommen wurde, wird im nächsten Augenblick mitunter schon wieder achtlos beiseitegelegt. Das konzentrierte Spiel, bei dem das Kind alles um sich herum vergisst, wird seltener.

 

Nach Rücksprache mit den Eltern hatte die Kita zunächst einmal den sogenannten „Spielzeugtag“ ausgesetzt, also jenen Tag, an dem bislang jedes Kind sein persönliches Lieblingsspielzeug von daheim mitbringen durfte. Da einige Kinder bald immer mehr eigenes Spielzeug mitführten, war ein konzentriertes Spielen in der Kita nicht immer möglich. Auch entstand unter den Kindern spürbar ein Konkurrenzdruck.

 

Dann reifte die Idee zu dem 14tägigen Projekt „Spielen ohne Spielzeug“ heran, das mit den Eltern besprochen wurde und einer sorgfältigen Vorplanung bedurfte. Beim „Spielen ohne Spielzeug“ wird auf herkömmliches Spielzeug verzichtet; stattdessen wird pro Tag nur ein Werkstoff genutzt, z.B. Wolle oder Papier.

 

Aus Papier drehten die Mädchen und Jungen herrliche Blumensträuße und fertigten kräftige Eishockeyschläger. Aus Bierdeckeln gestalteten sie Obstschalen, Schlangen, Verpackungskränze und ein Memory-Spiel. 

 

Besondere Begeisterung rief auch der Wolletag hervor. Mit großem Eifer versuchten die Drei- bis Sechsjährigen, Wollknäuel über eine hochhängende Schiene zu werfen. Auf diese Weise entstand ein beeindruckendes buntes Wollwesen, das man zu Recht eine Wollspinne nennen darf.

 

Dabei fiel auf, dass die sich Kinder so freudig wie konzentriert einbrachten und sich genau überlegten, an welcher Stelle sie ihr persönliches Farbknäuel in Stellung bringen sollten, um zum Anwachsen des lustigen Wollwesens beizutragen. Am Ende dieses Kita-Tages hatte die Gruppe gemeinsam etwas geschaffen – und das übliche Spielzeug nicht vermisst.

 

Jeder Kita-Tag wird filmisch dokumentiert; für die Eltern wird ein Tagebuch geführt, und am Ende des Projektes wird das Erlebte mit den Beteiligten besprochen.

 

Schon jetzt haben Anja Himmelmann, Erzieherin und Gruppenleiterin, und die Kinderpflegerin Mona Alghebra erstaunliche Ergebnisse festgestellt: Die Mädchen und Jungen der Roten Gruppe blieben z.B. viel länger an einer Sache dran. Sie spielten deutlich länger zusammen mit anderen Kindern und dachten strategisch, indem sie eigenständig Lösungen austüftelten. Anja Himmelmann: „Auch Kinder, die sonst eher zurückhaltend sind, haben sich bei diesen Aufgaben stärker eingebracht. Und beim gemeinsamen Aufräumen gibt es auch kein Gebrummel. Alle Mädchen und Jungen halten das Selbstgefertigte für wertvoll, gehen behutsam damit um und sind stolz darauf“.

 

Und hier Stimmen der Kinder: Zoe spielt zu Hause gern mit ihrer Barbie-Puppe, vermisst diese aber in der Kita gar nicht. Auch Ala und Zekije gefällt es, mit ungewöhnlichem Material zu arbeiten. Noch ein Kommentar von Ethrin: „Ich finde es schön, dass wir jeden Tag ein anderes Material nehmen und dass wir ein Rätsel lösen müssen“.

 

Rätsel? Im Rahmen des Projektes werden am Ende jedes Kita-Tages drei Eigenschaften jenes Materials genannt, mit dem am nächsten Tag spielzeugfrei gespielt werden wird. Da raten nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern daheim überlegen, was wohl am nächsten Tag zum Einsatz kommen könnte.

 

Letztens war von etwas die Rede, das pieksen kann, etwas festhält und bunt ist

Hätten Sie‘s gewusst? Natürlich waren es Wäscheklammern, ganz richtig. Und mit deren Hilfe wurde nicht nur ein Flugsaurier gebastelt. Ein kleines Mädchen der Roten Gruppe richtete  sogar einen „Friseursalon“ ein und verwöhnte Anja Himmelmann und Mona Alghebra mit modischen Hochsteckfrisuren.

 

Das Projekt hat den Kindern so sehr gefallen, dass sie während der zweiten Projektwoche entschieden, eine dritte Woche lang in der Kita nur mit einem einzigen Werkstoff am Tag tolle Dinge zu gestalten.

 

Schwelm, den 16. März 2017