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Ein Rundgang durch das Museum Haus Martfeld

Region und Besiedlungsgeschichte / Raum 1

Vorgestellt werden die kulturgeschichtlichen Grundlagen und die räumliche Definition des Schwelmer Raumes mit seinen geographischen Charakteristika und den besiedlungsgeschichtlichen Abläufen von den frühesten nachweisbaren Anfängen in der Jungsteinzeit um etwa 5000 v.Chr. über die römische Kaiserzeit (ab 14 v.Chr.) und das Frühmittelalter (ab ca. 450 v.Chr.) bis in das beginnende Hochmittelalter (um 1000 n.Chr.).

Stadtgeschichte und wirtschaftliche Grundlagen / Raum 2

Die Entwicklung der Stadt Schwelm führte über einen frühmittelalterlichen Herrenhof als frühes kulturelles Zentrum zu einer Marktsiedlung, die im Hochmittelalter (ca. 1000 - 1300) unmittelbar westlich der Kirche entstand. Schwelm erhielt 1496 und erneut 1590 die Stadtrechte. Wertvolle Handschriften und Münzen belegen die Bedeutung des Schwelmer Raumes im Hoch- und Spätmittelalter. Die landespolitisch folgenreiche Ermordung des Kölner Erzbischofs Engelbert von Berg im Jahr 1225 wurde im Hohlweg am Gevelsberg im Kirchspiel Schwelm verübt.

Im Schwelmer Raum ist reich an Rohstoffvorkommen, die bereits früh die Grundlage für ein ausgeprägtes Handels- und Produktionswesen bildeten. Zu nennen sind neben dem überregional bedeutenden Brennerei- und Brauereiwesen die Textil- und Eisenproduktion. Lagerstätten mit Alaunerzen, Zinkblende und Eisenvitriol wurden größtenteils im Tagebau abgebaut.

Aufklärung und Bürgertum / Raum 3

Die Neuzeit (ca. 1500 - 1900) brachte tiefgreifende geistesgeschichtliche Entwicklungen mit sich: Der Übergang zur protestantischen Lehre erfolgte im Schwelmer Raum in der 2. Hälfte des 16. Jahrhundert, und die Aufklärung setzte im 18. und frühen 19. Jahrhundert neue Maßstäbe im kulturellen Leben der Stadt Schwelm. Hervorzuheben sind die beachtlichen mathematisch-naturwissenschaftlichen und geographischen Forschungen des Pastors Friedrich Christoph Müller sowie die maßgeblichen schulreformerischen Neuerungen des Konrektors Peter Heinrich Holthaus und des Schulkommissars Ferdinand Hasenclever. In dieser Zeit erlebte das Buchverlagswesen einen bisher nicht gekannten Aufschwung. 1792 wurde nicht zufällig am Schwelmer Gesundbrunnen eine der ältesten deutschen Freimaurerlogen, die St. Johannis-Loge „Zum Westfälischen Löwen“, eröffnet.

Sulfidische Quellwässer im Umfeld des Alauntagebaus im Nordosten der Stadt führten im 18. Jahrhundert. aufgrund ihrer Heilwirkung zu einem überregional bedeutenden Bade- und Kurbetrieb am Schwelmer Brunnen, der der Stadt bis ins 19. Jahrhundert eine kulturelle Blütezeit bescherte.

Neuzeit - 18. und 19. Jahrhundert / Raum 3 bis 5, Barocksaal, Turmzimmer - Bürgerliche Wohnkultur

Nach der französischen Revolution von 1789 löste ein selbstbewusstes und kulturell am Vorbild des alten Adels orientiertes Großbürgertum den Adel als gesell­schaftsbestimmende Kraft ab. Reiche Unternehmer- und Kaufmannsfamilien prägten den für den bergisch-märkischen Raum typischen Kunststil des sogenannten Bergischen Barock, einer Mischung barocker und regionaltypischer bodenständiger Stilelemente. Es entstanden imposante villen- und schlossartige Stadt- und Landhäuser, deren Salons mit aufwendigen Innenausstattungen und reichhaltigem Inventar wie kostspieligen Musikinstrumenten, repräsentativen Möbeln, Zimmeruhren oder Zinn-, Messing- und Kupfergeschirr und luxuriösem Glas- und Porzellanimport ausgestattet waren.

Aus dieser Zeit stammt der Prototyp des mit Steinkohle beheizten gusseisernen Sparofens, den der Privatgelehrte und Schwelmer Pastor Friedrich Christoph Müller aufgrund der allgemeinen Brennstoffverknappung Ende des 18. Jahrhundert entwickelte und beschrieb.

Preußen, Handel und Frühindustralisierung / Raum 6 und Münzkabinett

Bereits um die Mitte des 18. Jahrhundert stellte der bergisch-märkische Raum aufgrund der intensiven gewerblichen Nutzung und Weiterverarbeitung seiner regionalen Bodenschätze und Rohstoffe sowie des Vertriebs seiner Fertigprodukte eines der ältesten vor- und frühindustriellen Gebiete auf deutschem Boden dar.

Im Gegensatz zum bergischen Raum mit seinen freien unternehmerischen Entfaltungsmöglichkeiten wurde die wirtschaftliche Entwicklung des Schwelmer Raumes durch die strikte Reglementierung des preußischen Staates behindert. Erst nach der napoleonischen Zwischenzeit nahm ab 1813 die wieder eingesetzte preußisch-absolutistische Staatsmacht in Anbetracht erheblicher Gebietserweiterungen Abstand von einer Bevormundung des Wirtschaftslebens.

Die Stadt Schwelm war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert neben Berlin, Nürnberg und Köln ein Zentrum der Goldwaagenherstellung. Vor diesem Hintergrund wird in einem gesonderten Münzkabinett, das zu den schöns­ten Deutschlands zählt, die europäische Monetarwirtschaft von der römischen Zeit bis in die Neuzeit veranschaulicht. Feinmechanisches Können dokumentiert sich in zahlreichen Qualitätsarbeiten des Uhrmacherwesens als ein weiteres regionales Spezialhandwerk.

Industrielle Grundlagen / Raum 7

Der Schwelmer Raum zeichnet sich durch seine vielfältigen Rohstoffvorkommen aus. Im Bereich der Bauernschaft Sprockhövel liegt das älteste, seit dem Mittelalter im Tagebau betriebene Steinkohleabbaugebiet Deutschlands. Gewonnen wurde neben Alaunerzen, Zinkblende und Eisenvitriol der im Umfeld der Schwel­mer Kalkmulde vorkommende devonische Massenkalk, der anschließend in Kalköfen gebrannt wurde. Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhundert gab es eine ganze Anzahl von Tongruben, die von Ziegeleibetrieben ausgebeutet wurden.

Charakteristisch für die bergisch-märkische Region sind die Eisenerze. Die frühe Verhüttung erfolgte in sogenannte Rennfeueröfen. Für die Weiterverarbeitung entwickelten sich in späterer Zeit die standorttypischen Waldhütten, Schmieden und Hammerwerke, die unter effektiver Ausnutzung der zahlreichen Bäche und Flüsse mit der Antriebskraft von Wasserrädern arbeiteten. Der seit der Mitte des 19. Jahrhundert vermehrte Einsatz von Dampfmaschinen förderte den stetigen Ausbau industrieller Fabrikationsbetriebe.

Beachtenswert ist die Sammlung qualitätvoller Zinnerzeugnisse des 18. und 19. Jahrhundert aus der Region. Importiert wurde das Rohmaterial in Barrenform vornehmlich aus dem Gebiet Cornwalls im Südwesten Englands.

Textilherstellung und Bandweberei / Raum 7, 8 und 9

Der Flachsanbau in der feuchten Schwelmer Talmulde war seit dem Mittelalter die Grundlage für die Herstellung von Textilgeweben aus Leinen. Der gesamte Produktionsprozeß fand vom Anbau über die Bleicherei und Färberei bis hin zum fertigen Endprodukt im Rahmen zunehmend spezialisierter Einzelgewerbe am Ursprungsort statt. Die Weberei stellte in den einfa­chen Haushalten einen wichtigen zusätzlichen Broterwerb dar. In den bescheidenen Wohnstuben standen technisch bereits weiterentwickelte Platz sparende Webstühle, an denen die gesamte Familie ganzjährig tätig war.

Eine regionaltypische Besonderheit ist die Bandweberei, deren Produkte im internationalen Wettbewerb neben französischen Schmalgeweben führend wurden. Zu den Attraktionen des Museums zählt die Einrichtung einer Bandweberei mit einem funktionsfähigen Schachtenstuhl und einem Jacquard-Bandwebstuhl, an denen Webvorführungen dargeboten werden.

Industrialisierung und Beginn der Moderne / Raum 10

Im letzten Viertel des 19. Jahrhundert. erfuhr die Stadt Schwelm ihre erste große planmäßige Stadterweiterung außerhalb der alten, durch die Stadtmauern festgelegten Stadtgrenzen. Die Zeitspanne zwischen den als Grün­derjahre bezeichneten siebziger Jahren des 19. Jahrhundert. bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges bescherten Schwelm wie vielerorts einen enormen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, sie wuchs zu einer bedeutenden Industriestadt heran. Eine Grundvoraussetzung für die Ansiedlung von Industrie war der Bau der Bergisch-Märkischen Eisenbahn in den Jahren 1847 bis 1849, die von Düsseldorf über Elberfeld, Schwelm und Hagen nach Dortmund und Minden führte. Im Zuge moderner Technisierung erhielt die Stadt Schwelm 1911 ein erstes allgemeines Wasserversorgungs- und Kanalisationsnetz, für den be­schleunigten innerstädtischen Verkehr verband eine erste Straßenbahn Schwelm mit der Gemeinde Langerfeld im Westen des Stadtgebiets.

Rasante Modernisierung, Expansionismus und Aufrüstung mündeten im Ersten Weltkrieg, der einer friedlichen urbanen Entwicklung unversehens Einhaltgebot. Der Verlust Langerfelds mit seiner Textilindustrie an die damalige Stadt Barmen im Jahr 1922 fiel in die Zeit der allgemeinen wirtschaftlichen Rezession.