Mahnwache von Bürgern auf Immanuel-Ehrlich-Platz: „Jetzt müssen wir Haltung zeigen; denn nie wieder ist jetzt!“

Dienstag, 14. November 2023

Auf dem Immanuel-Ehrlich-Platz in der Kirchstraße nahmen rund 50 Bürgerinnen und Bürger an eine Mahnwache teil, mit der an die fürchterlichen Vorgänge in der sogenannten Reichsprogromnacht am 9. November 1938 erinnert wurde. Aufgerufen zur „Mahnwache gegen Antisemitismus, Hass und Hetze“ hatte Bündnis 90/Die Grünen (Schwelm) mit den Worten: „Der Terrorangriff der Hamas auf Israel erschüttert uns. Er ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und durch nichts zu rechtfertigen. Das menschliche Leid in Israel sowie in Gaza macht uns fassungslos. Aber auch der in Deutschland zu Tage tretende Antisemitismus erschreckt uns. Jeglicher Antisemitismus, Hass und Hetze sind nicht tolerierbar. Die Shoah muss uns und der Welt für immer eine Mahnung sein. Wir rufen auf, am Gedenktag der Reichsprogromnacht gemeinsam ein Zeichen für Frieden, Toleranz und Menschlichkeit zu setzen.“

Die Novemberprogrome beschreiben den Zeitpunkt des Übergangs von der Diskriminierung hin zur Verfolgung und Vernichtung von Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland.

In seiner zentralen Ansprache betonte Bürgermeister Stephan Langhard die Bedeutung des Ortes – den Immanuel-Ehrlich-Platz – in unmittelbarer Nähe zur früheren Schwelmer Synagoge. „Wenn wir die Augen schließen und versuchen, uns 85 Jahre zurück zu versetzen, dann hätten wir erlebt, dass sogenannte ,Parteigenossen‘ randalierend durch Schwelm zogen, hätten das Klirren splitternden Glases von Schaufenstern der Geschäfte jüdischer Inhaber gehört und hätten gesehen, wie unsere jüdischen Nachbarn bedroht, geschlagen erniedrigt und verschleppt und ihre Wohnungen verwüstet wurden. Direkt hier wurde die Tür der früheren Schwelmer Synagoge aufgebrochen und die Inneneinrichtung zerschlagen“.

Das Stadtoberhaupt erinnerte daran, dass dem Holocaust auch viele Schwelmer Juden zum Opfer fielen, Menschen, die „zuvor noch geschätzte Nachbarn, Arbeitskollegen, Arbeitgeber, Sportfreunde, Ärzte oder Einzelhändler waren“.

Die Familien vieler früherer Schwelmer jüdischen Glaubens haben in der Kirchstraße gelebt und die Stadt entscheidend mitentwickelt. Immer wieder besuchen Nachfahren von Überlebenden Schwelm, so z. aus den USA, aus Israel und Italien und erforschen ihre Schwelmer Familiengeschichte. 

Sie nehmen wahr, dass Schwelm nicht am Anfang des Kampfes gegen Antisemitismus steht, wie die verdienstvolle Arbeit der AG Lokalgeschichte/Stolpersteine des Märkischen Gymnasiums und das vielfältige Wirken von Marc Albano Müller und des Vereins für Heimatkunde zeigen. Auch die engagierte Erfurt-Stiftung tut viel gegen das Vergessen und im Haus Martfeld wurde unlängst ein Ausstellungs-Kabinett zur Geschichte Schwelmer Juden eröffnet. Und am jährlichen Gedenken zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar, zu dem die Stadtverwaltung gemeinsam mit der Stolperstein-AG einlädt, nehmen immer viele Bürger teil.

„Wir müssen“, so der Bürgermeister, „in diesen Tagen aber auch erleben, dass der Antisemitismus in Deutschland und der Welt wieder erstarkt. Der Staat und wir als Bürger müssen wachsam sein. Der Staat muss Straftaten gegen Juden durchgreifend ahnden – hier braucht es Konsequenz!“ Es sei nicht hinnehmbar, dass Menschen jüdischen Glaubens gerade in Deutschland Angst haben müssten, wenn sie auf die Straße gehen würden.

Stefan Langhard: „In diesem Jahr können die Geschehnisse im Nahen Osten nicht ausgeblendet werden. Was am 7. Oktober in Israel geschehen ist, ist Antisemitismus in seiner grausamsten Ausprägung. Dieser barbarische Akt menschenverachtender Gewalt lässt sich nicht durch die langen Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern ,erklären‘, abschwächen oder relativieren. Genauso wenig ist es aber auch zulässig, die Mörder der Hamas mit der palästinensischen Zivilbevölkerung gleich zu setzen. Aber auch sachliche Kritik am Staat Israel oder seinem Vorgehen darf nicht per se als antisemitisch diskriminiert werden. Menschenrechte gelten universell und damit gleichermaßen für Israel, den Gazastreifen, die Ukraine oder alle anderen Brennpunkte“.

Er hoffe auf die Kraft der Diplomatie und nicht zuletzt der Menschlichkeit, doch könnten und dürften auch wir nicht tatenlos sein, wenn es darum gehe, ein klares Bekenntnis gegen Gewalt, gegen Antisemitismus und gegen die Unterdrückung und Verfolgung von Minderheiten zu formulieren.

Der Bürgermeister: „Wir tragen keine persönliche Schuld am Holocaust, aber wir tragen die Verantwortung vor dem Hintergrund der Geschichte unseres Landes, dass keine Minderheit, dass sich nie wieder ein Mensch jüdischen Glaubens in unserem Land fürchten muss! Nie wieder; jetzt müssen wir Haltung zeigen; denn nie wieder ist jetzt!

Mit Nachdruck lud er die versammelten Bürgerinnen und Bürger zur Teilnahme am Volkstrauertag am 19. November ein: „Lassen Sie uns auch da ein deutliches Zeichen gegen Gewalt setzen!“

Schwelm, den 14. November 2023