Sozial von Kindesbeinen an: Gertraud Dohnke, Leiterin der Kita Mühlenweg, herzlich aus Diensten der Stadt verabschiedet

Montag, 04. Dezember 2023

Mit Gertraud Dohnke hat die Stadtverwaltung Schwelm heute eine Frau verabschiedet, mit der die Geschicke der Kindertagesstätte Mühlenweg 42 Jahre lang eng und herzlich verbunden waren. Wie herzlich, das bewiesen die Mitarbeiterinnen, die Kitakinder und deren Eltern mit lieben Worten und Gesten auf wunderbare Weise. Auch Bürgermeister Stephan Langhard, Marion Mollenkott als Leiterin des Fachbereichs Zentrale Steuerung, Olaf Menke als Jugendamtsleiter und viele weitere Kolleginnen und Kollegen sagten „Danke für die Jahre mit Ihnen!“

Die scheidende Fachfrau wusste schon ganz früh, dass für sie nur ein Beruf im sozialen Bereich infrage kommen würde. Auslöser war ein Erlebnis aus der eigenen Kindergartenzeit in den 1960er Jahren, wo ein Junge an einer schweren Hautkrankheit litt. In der kleinen Gerti stieg Mitleid auf; sie verstand instinktiv, wie verloren sich der ausgegrenzte Junge fühlen musste, denn: „Niemand wollte ihn berühren!“ Das fand sie schlimm, viel schlimmer als den Ausschlag und deshalb gab sie dem Kind die Hand.

Als die ausgebildete Erzieherin dann Ende der 1970er Jahre eine Arbeitsstelle suchte, bot ihr ihr Heimatland Österreich mit seiner damaligen „Erzieherinnenschwemme“ keine Chance, woraufhin die junge Frau ihre Fühler nach Deutschland ausstreckte, wo es aber auch nicht besser aussah.

Daher half sie zunächst ein Jahr lang in einem Seniorenheim in der Altenpflege und war gerade soweit, nun auch noch eine Ausbildung zur Altenpflegerin aufzunehmen, als sich die Stadt Schwelm meldete.

Am 1. Oktober 1981 trat Gertraud Dohnke in der städtischen Kita Mühlenweg ihre Arbeit als sogenannte Zweitkraft an, wurde ein Jahr später Gruppenleiterin, dann stellvertretende Einrichtungsleiterin und 2014 Kitaleiterin. Diese Entscheidung hatte sie sich nicht leichtgemacht, aber nicht wegen der großen Verantwortung, sondern aus der Sorge heraus, die Betreuungsarbeit zu vermissen und dadurch möglicherweise die enge Beziehung zu den Kindern zu verlieren. Ein wichtiger Zertifizierungskurs habe ihr geholfen, ihre neue Rolle zu finden, und ebenso die Kolleginnen und Kollegen: „Unglaublich gut getan hat mir von Anfang an die Akzeptanz des Teams, und dieses Miteinander haben wir uns bewahrt!“

Die Arbeit mit und für Kinder in einer Kindertagesstätte wird oft unterschätzt in ihrer Qualität, ihrer Vielseitigkeit, ihrem Umfang. Und sicher auch mit Blick auf besondere Herausforderungen, wie sie z.B. in der Coronazeit galten, als das Kitapersonal sich immer wieder zwischen Maske und Nähe zum Kind entscheiden musste.

Zur täglichen Arbeit gehört auch sehr viel Management. In der Kita Mühlenweg arbeiten 12 Erzieherinnen im pädagogischen Bereich, zwei Kräfte in der Küche, und wenn ein behindertes Kind die Kita besucht, gehört auch eine Integrationsfachkraft ins Team. Bald kommt wieder eine Sprachfachkraft hinzu, denn: „Sprache ist der Schlüssel zur Welt!“

Befragt nach einschneidenden Veränderungen der letzten Jahrzehnte nennt die scheidende Einrichtungsleiterin die Änderung der Betreuungszeit. An die Stelle der früheren Ganztags- bzw. Halbtagsbetreuung traten die Blockzeiten, die mit einer größeren Zahl von Kindern einhergeht, die über Mittag betreut werden. Auch die Betreuung von immer jüngeren Kindern und die vielen schriftlichen Aufgaben, wie z.B. die Bildungsdokumentationen, hat die pädagogische Arbeit verändert und brachte neue Herausforderungen mit sich.  

Gertraud Dohnke hinterlässt ein bestelltes Haus mit 62 Kindern aus unterschiedlichen Ländern, darunter auch Kinder ab zwei Jahren. Intensiv gelebt wird das Leitbild „Spiel, Bewegung und Sprache“ – auf dem eigenen Außengelände mit Spielgeräten und Hochbeetpflege, Ausflügen in die neue Stadtbücherei, zu den TBS, wo man sich über Müllbeseitigung informiert, oder durch eifriges Nutzen der Kitabücherei. Gerti Dohnke kümmerte sich persönlich sehr um die Vorschulkinder. Das entlastete die Gruppe um die Kleineren, die mehr Betreuung benötigen und wo auch die pflegerische Komponente wie Wickeln u.a. berücksichtigt werden muss. Doch die älteren, schon deutlich selbständigeren Kinder wollen auch gehört werden. „Der Anspruch, allen gleichermaßen gerecht zu werden, ist heute schwieriger zu erfüllen“, weiß die scheidende Kita-Leiterin.

Immer wieder hat Gertraud Dohnke Neues angestoßen, „weil das Leben sich stetig ändert“. Bis heute fasziniert sie das Urvertrauen, das Kinder anderen Menschen schenken, ihre Versuche, sich gehend, spielerisch und sprechend in der Welt zurechtzufinden. Besonders wichtig war der Fachfrau immer, dass „nicht jedes Kind alles können kann und muss; jedes besitzt seine ganz persönlichen Fähigkeiten, die durch die individuellen Fähigkeiten der anderen ergänzt werden“, erteilt sie kollektiven Einheitserwartungen der Gesellschaft an die Jüngeren eine Absage.

Besonders hofft sie, dass möglichst vielen Kindern Wissbegierde zur inneren Lebenskraft wird, dass sie gerne und frei nach dem „was“ und „wie“ fragen. Sie hofft, dass viele Kinder Resilienz haben mögen, diese unzerstörbare innere Stärke, die sie auch einmal über schlechte Zeiten hinwegtragen kann. „Ganz wichtig ist die Zuversicht“, weiß die erfahrene Frau. Schon Kinder sollten „die Hoffnung haben, dass das Leben sie weiterträgt“.

Die gebürtige Österreicherin wird sicher jetzt öfter in ihre Heimat fahren, wo ihre Familie wohnt. „Es ist schön, nicht schon nach zwei, drei Wochen wieder nach Hause fahren zu müssen, weil der Urlaub um ist“, lacht sie, legt aber Wert darauf, in Deutschland heimisch geworden zu sein. „Ich möchte die neue Zeit auf mich zukommen lassen“, sagt sie. „Bis zum letzten Tag war ich minütlich von vielen sozialen Kontakten umgeben; das ist und bleibt wichtig für mich, sodass ich mich vielleicht später einmal ehrenamtlich engagieren werde, möglicherweise im Hospiz. Ich kenne Menschen, denen dort in ihrer letzten Lebenszeit auf gute Weise geholfen wurde, und ich glaube, Trost zu geben und zu erhalten ist etwas sehr Wichtiges“. Da schließt sich der Kreis zum frühen Erlebnis im eigenen Kindergarten, als zum Mitdenken schon ebenso stark das Mitfühlen trat.

Schwelm, den 4. Dezember 2023