Rund 100 Schwelmer gedachten der Opfer des Holocaust / Bürgermeister: „Wir alle sind Deutschland und lassen uns nicht auseinanderdividieren!“ / AG „Lokalgeschichte/Stolpersteine“ des Märkischen Gymnasiums hinterfragt, was Zeitgenossen vom Holocaust wissen konnten

Dienstag, 30. Januar 2024

Rund 100 Bürgerinnen und Bürger waren der Einladung der Stadtverwaltung Schwelm nachgekommen, am Holocaust-Gedenktag am Gedenkstein an der Südstraße an die früheren Schwelmer jüdischen Glaubens zu erinnern. Seit über 20 Jahren richtet die Stadt dieses Gedenken aus, das seit vielen Jahren mit wegweisenden Beiträgen von der Arbeitsgemeinschaft „Lokalgeschichte/Stolpersteine“ mitgestaltet wird. Das Gedenken findet stets großen Rückhalt in der Bevölkerung, der Bürgermeister Stephan Langhard in seiner Ansprache für ihre überwältigende Teilnahme herzlich dankte.

„Heute vor 79 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit, in dem neben jüdischen Opfern auch viele andere Menschen, die den nationalsozialistischen Machthabern ein Dorn im Auge waren, erniedrigt, ausgebeutet, gefoltert und ermordet wurden. Sinti und Roma, queere und politische Häftlinge, körperlich und geistig erkrankte Menschen, Zeugen Jehovas und Künstlerinnen und Künstler u.v.a.“

Die Liste derer, die angeblich nicht zum deutschen Volkskern gehörten und daher verfolgt und vernichtet wurden, sei im Faschismus immer länger geworden, denn „in Wahrheit sollte sich in dieser Tyrannei niemand sicher sein, nicht auch in Ungnade zu fallen und in ein Lager verbracht werden zu können“. Für Stephan Langhard gehört bis heute zum Wesen jeder Diktatur, dass sie die Herrschaft einer Gruppe sei, die persönlich bestimme, wen sie dulde und wen sie verfolge.

Aufgrund jahrzehntelanger Aufklärung habe man geglaubt, die unbeschreiblich fürchterlichen Untaten aus der Zeit des Nationalsozialismus könnten nicht noch einmal geschehen. Doch dürfe man mit der Aufklärung nie nachlassen, denn mit der Zeit erodiere grundlegendes Wissen und drohe, verdrängt oder vergessen zu werden. Das Wissen um die mörderische Ideologie des Faschismus aber und die industriell verübten Massenmorde an Millionen Menschen müssten uns immer wieder aufs Neue mahnen und warnen.

Der Bürgermeister: „Seit dem Überfall der Hamas auf israelisches Gebiet am 7. Oktober 2023 und dem heftigen militärischen Einschreiten der israelischen Armee sterben Soldaten und Zivilisten. Doch auch bei uns bleibt dieser Krieg nicht folgenlos; es kommt auch in Deutschland zu zahlreichen unfassbaren Ausschreitungen gegen Menschen, die sich zu ihrem jüdischen Glauben bekennen. Gleichzeitig nutzen rechtsextreme Gruppen das Thema um den angemessenen Umgang mit Migration in Europa, um gegen jedermann Front zu machen, der ihnen nicht in ihr deutsches Schema passt“.

Das vom Recherchezentrum correctiv aufgedeckte Geheimtreffen von rechtsextremen Zeitgenossen bestürze ihn, weil er niemals geglaubt hätte, dass noch die extremsten Kräfte es wagen würden, unter dem Schand-Begriff der Remigration Überlegungen anzustellen, die uns zu Recht an Deportation erinnern würden.

Das Stadtoberhaupt: „Selbsternannte Heilskünder wollen, wie in jeder Diktatur, bestimmen, wen sie aus dem Land jagen wollen. Und das in deutschem Namen! Millionen Menschen sollen aus Deutschland vertrieben werden. Ich sage: Diese Millionen Menschen – ob mit oder ohne Migrationshintergrund – sind wir alle. Wir alle sind Deutschland, wir lassen uns nicht auseinanderdividieren und wir verteidigen unsere Werte und die Art wie wir zusammenleben wollen!“ 

Rechtsstaatlichkeit und Demokratie stünden für Gleichheit und Freiheit, für Volkssouveränität, Pluralismus und Toleranz. Demokratie seit kein Naturgesetz, sie lebe aus jedem einzelnen Bürger heraus und erfordere Engagement, Dialog und Respekt. „Oft“, so der Bürgermeister, „fehlt es extremen Menschen an einem Stopp-Zeichen von Seiten der bislang schweigenden Mehrheit, die sich nun immer klarer zu Wort meldet – auch bei uns in Schwelm!“

Die Schülerinnen der „AG Lokalgeschichte/Stolpersteine“ und ihre Lehrerinnen Anke Buetz und Suanne Hamm hinterfragten in Rede und Gegenrede die nach 1945 von vielen Zeitzeugen vertretene Behauptung: „Davon haben wir nichts gewusst!“ Dieser Behauptung wurden verbriefte Zitate und Schilderungen gegenübergestellt, die belegten, dass viele Bürger mit eigenen Augen gesehen haben, was mit Verfolgten geschah. Ein Überlebender des Konzentrationslagers Neuengamme wusste: „Jede Wolke aus dem Krematorium ein Menschenleben. Rund um die Uhr kam der Rauch da raus. Natürlich hat die Bevölkerung von Neuengamme das gesehen. Es kam ja immer ein Bauer, der die Asche aus dem Krematorium abholte, als Dünger.“ Andere Bürger nahmen an öffentlich annoncierten „Wohnungsaufgaben aus nichtarischem Besitz“ oder der Versteigerung des Besitzes zweier zuvor deportierter Frauen teil, und zwar in der Wohnung der Opfer, so dass sie „als Käufer gewusst haben dürften, wem die Dinge, für die sie nun boten, einst gehört hatten“.

Fast 10.000 jüdische Männer wurden in den Tagen nach dem Novemberpogrom 1938 in das KZ Buchenwald deportiert. Mit der Reichsbahn wurden sie zum Weimarer Hauptbahnhof transportiert, wo SS-Leute und Hilfspolizisten sie durch den Tunneldurchgang trieben und zusammenschlugen. Die Misshandlungen fanden in aller Öffentlichkeit statt. Der Weimarer Klaus Engelhardt, damals noch ein Kind, berichtet: „Es ging damals wie ein Lauffeuer bei uns Kindern die Nachricht um, dass am Bahnhof Juden ‚ausgeladen‘ werden“.

Und die Widerstandsgruppe „Weißen Rose“ schreibt in einem Flugblatt: „(…) nur als Beispiel wollen wir die Tatsache kurz anführen, die Tatsache, dass seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialischste Art ermordet worden sind. (…) Wozu wir dies Ihnen alles erzählen, da Sie es schon selber wissen, wenn nicht diese, so andere gleich schwere Verbrechen (…)? Weil hier eine Frage berührt wird, die uns alle zutiefst angeht und allen zu denken geben muss. Warum verhält sich das deutsche Volk angesichts all dieser scheußlichsten menschenunwürdigsten Verbrechen so apathisch? (…) Es scheint so und ist es bestimmt, wenn der Deutsche nicht endlich aus dieser Dumpfheit auffährt, wenn er nicht protestiert, wo immer er nur kann, gegen diese Verbrecherclique, wenn er mit diesen Hunderttausenden von Opfern nicht mitleidet. Und nicht nur Mitleid muss er empfinden, nein, noch viel mehr: Mitschuld“.

Schlussfolgerung: Menschen haben hingeschaut und doch weggesehen.

Das Gedenken endete mit einer Schweigeminute und der Niederlegung eines Kranzes für die früheren Schwelmer Juden. Die Teilnehmer des Gedenkens lud Bürgermeister Stephan Langhard zur Schwelmer Demonstration „Für Rechtsstaat und Demokratie“ am 3. Februar ein (Beginn: 11 Uhr am Bahnhof; Abschlusskundgebung auf dem Märkischen Platz).

Bildtexte:

Mit Applaus bedankten sich die Teilnehmer des Gedenkens für die Ansprache des Bürgermeisters und den Beitrag der AG „Lokalgeschichte/Stolpersteine“.

Bringen seit Jahren Licht in das Dunkel der Geschichte: Die Mitglieder der AG „Lokalgeschichte/Stolpersteine“ des Märkischen Gymnasiums mit ihren Lehrerinnen Anke Buetz und Susanne Hamm. Gemeinsam mit Bürgermeister Stephan Langhard legten sie den Kranz am Gedenkstein für Schwelms frühere jüdische Bürger nieder. Fotos: Stadtverwaltung Schwelm / Heike Rudolph

Schwelm, den 30. Januar 2024