„Aus unpersönlichen Feinden waren Menschen geworden“

Würdevolle Gedenkfeiern zum Volkstrauertag

Am Sonntag gedachten in Schwelm im Gemeindehaus Linderhausen und am Ehrenmal zahlreiche Bürgerinnen und Bürger der Toten der beiden Weltkriege und der Opfer von Gewalt weltweit. Auf beiden Gedenken wünschten Konfirmanden vor einem Friedenstransparent Bürgern aus vielen Nationen in deren Sprachen „Frieden“, so den Menschen in der Ukraine und in Russland, in Syrien, im Sudan und in Jemen, den Kurden, den Menschen in Afghanistan, Somalia, der Türkei, in Mali, Nigeria, Israel und den Menschen im Drogenkrieg in Mexiko.

Ebenfalls an beiden Gedenkorten sprach Hervé Luitaud, Schüler der städtischen Grundschule Engelbertstraße:

„Neulich hat mein Großvater mir eine Geschichte von seinem Großvater erzählt. Dieser war Soldat im ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren begann. Krieg sei das Schlimmste, das man erleben könne, hatte er gesagt. Er kämpfte damals im Westen gegen die Franzosen. Jeden Tag starben viele Soldaten, französische und deutsche. Es herrschten Angst, Verzweiflung und Trauer.

Aber nicht von den schrecklichen Erlebnissen wollte er meinem Großvater erzählen, sondern von dem, was ihm in dieser Zeit Mut und Hoffnung gegeben hatte. Und das ereignete sich Weihnachten 1914.

Aus dem feindlichen Schützengraben war Gesang zu hören. Zunächst war man misstrauisch, doch als das erste Lied zu Ende ging, trauten sich die Soldaten nach und nach aus ihren Schützengräben und sie begannen, gemeinsam Lieder zu singen und später auch ihre Vorräte zu teilen.

Aus unpersönlichen Feinden waren Menschen geworden. Das hatte er nie vergessen.

Leider dauerte der Krieg noch Jahre an und es folgte noch ein weiterer, aber heute wäre mein Ur-Ur-Großvater glücklich, Franzosen und Deutsche hier gemeinsam stehen zu sehen.“

Am Ehrenmal hielt Norbert Dudek, Propst der katholischen Kirchengemeinde St. Marien, die Ansprache: „Heute vor 100 Jahren sah die Welt noch anders aus. Im August 1914 hatte ein Krieg begonnen, der sich zu einem Weltkrieg entwickeln sollte…das Sterben begann.“

Der Propst erinnerte daran, dass Pfarrer August Bendler sich auch um die schon bald eintreffenden französischen Kriegsgefangenen kümmerte: „Sie waren in der Nähe des Friedrichsbades untergebracht. Diese Franzosen waren meist katholisch, und so durften sie jeden Sonntag in die Marienkirche. Sie mussten versprechen, keinen Fluchtversuch zu unternehmen und dann durften sie, mit nur einem Soldat zur Bewachung, in die Kirche. Predigtkonzepte in französicher Sprache liegen bei uns im Archiv.“ Bendler versuchte darüber hinaus, sie in ihren Unterkünften zu besuchen, religiöse Bücher und Geld zuzustecken und auch einen Gottesdienstbesuch am Werktag zu ermöglichen. Das wurde ihm verwehrt.“

Norbert Dudek wies darauf hin, dass man am Volkstrauertag nicht nur der Opfer und der Toten aus Deutschland gedenke; man denke auch an die französischen Kriegsgefangenen in Schwelm, an die vielen Opfer des 2. Weltkrieges und auch an die Opfer von Gewalt und Terror in unserer Zeit. „Viele Wochen“, so der Propst, „haben Mitglieder der christlichen Kirchen in Schwelm auf dem Bürgerplatz gemeinsam in Stille gebetet. Auch das wäre vor 100 Jahren so nicht denkbar gewesen. Und die Friedensbotschaften der Konfirmanden schließen daran nahtlos an.

Wenn wir also heute an Kriege und Tode denken, dann tun wir das im Namen von Frieden und von Leben. Und den wünschen wir nicht nur uns hier, sondern allen Menschen, egal welcher Religion oder Nation sie sind. Dafür stehen wir heute hier!“

Schwelms Bürgermeister Jochen Stobbe erinnerte in seiner Ansprache im Gemeindehaus Linderhausen an den jungen Soldaten Alfred Rueff aus Linderhausen, den die Schlachten im Westen verschlangen. Und er sprach über die Schwelmer Heinrich Stute und Edmund Heier, die am 13. bzw. 19. November 1914 im Zuge der ersten Ypern-Schlacht zu Tode kamen, also vor genau 100 Jahren. Ihre Namen sind auf den Gedenktafeln an der Sophienhöhe verzeichnet.  

Jochen Stobbe: „Die meisten Soldaten starben elend, viele unter entsetzlichen Schmerzen und Umständen. Ihre spätere Verklärung war immer auch ein Stück weit nachträgliche politische Rechtfertigung für einen grauenhaften Krieg. Zudem sollte die Erinnerung an diese meist sehr jungen Männer künftige Generationen auf ein vermeintliches Ideal nationaler Tapferkeit verpflichten – die schlimmen Folgen sind uns bekannt. Wir wissen heute, wie intensiv viele Soldaten quer durch die Nationen darüber nachdachten, dass auf der anderen Seite ein Gegner stand, den die Todesangst genauso zermürbte wie sie selbst.“

Die ungeheuerliche Gewalterfahrung des Ersten Weltkrieges habe lange nachgewirkt und dem Zweiten Weltkrieg den Boden mit bereitet. Stobbe: „Wir blicken nicht zurück auf abgelegte Geschichte, denn der Erste Weltkrieg hat die großen gesellschaftlichen Ideologien frei gesetzt, die das 20. Jahrhundert gekennzeichnet und auch gezeichnet haben. Die Weltordnung unserer Tage geht ein Stück weit auch zurück auf den Ersten Weltkrieg.“

Für Jochen Stobbe ist der vor wenigen Tagen von Frankreichs Präsident François Hollande in Notre-Dame-de-Lorette eröffnete „Ring der Erinnerung“ – eine übernationale Gedenkstätte mit den Namen von 600.000 gefallenen Soldaten -  ein  Meilenstein des Europäischen Gedankens: „Im Bild des Rings verdeutlicht sich für mich die Versöhnung. Der Ring symbolisiert die Gleichheit aller und die Geschlossenheit der Humanität, die sich nicht aufbrechen, nicht zerbrechen lassen darf.“

In Linderhausen begleitete die Chorgemeinschaft MGV Einigkeit Schwelm/Linderhausen die Gedenkstunde mit nachdenklichen Liedbeiträgen, am Ehrenmal spielte der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Schwelm unter Leitung von Rüdiger Leckebusch getragene Stücke. Die Totenehrung nahmen hier wie dort Bürgermeister Jochen Stobbe und Fourqueux‘ Bürgermeister Daniel Level in deutscher und französischer Sprache vor; den kleinen Hervé nahmen sie dazu in ihre Mitte.

Schwelm, den 17. November 2014

 

 

Schwelms Bürgermeister Jochen Stobbe und Fourqueux' Bürgermeister Daniel Level nahmen Hervé Luitaud in ihre Mitte.
Propst Norbert Dudek hielt am Ehrenmal die Ansprache.
Pfarrer Rainer Schumacher, Silke Nockemann und die Konfirmanden im Gemeindehaus Linderhausen.
Begleiteten die Gedenken würdig: die Chorgemeinschaft MGV Schwelm/Linderhausen...
....und der Musikzug der Schwelmer Feuerwehr. Fotos: Stadtverwaltung Schwelm / Heike Rudolph
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