„Die Menschen müssen lernen, selber aktiv zu werden!“

Erstellt von Heike Rudolph |

Elisabeth Christoforidou und Özkan Akbaba über ihre Arbeit für ausländische Bürger in Schwelm

In den 60er Jahren kamen die ersten sogenannten Gastarbeiter nach Deutschland -  Millionen Menschen aus Italien und der Türkei, aus Portugal und dem früheren Jugoslawien, aus Spanien und aus Griechenland. Sie gingen in die Fabriken, schafften an Fließbändern, stachen Stahl.

Mit der Zeit reichte es nicht allen ausländischen Bürgerinnen und Bürgern, die in Schwelm lebten, hier lediglich zu arbeiten und trotzdem immer nur unter sich zu sein. Zunehmend erkannten sie, dass sie hier über viele Jahre nicht weniger investierten als ihre Lebenszeit – und dennoch von vielem ausgeschlossen waren.

Für manchen Ausländer stellte sich ernsthaft die Frage, ob man denn überhaupt in die Heimat zurückkehren würde. Für andere gaben die in Schwelm, geborenen und hier eingeschulten Kinder den Anstoß, über eine verstärkte Teilnahme am öffentlichen Leben nachzudenken.

Die Stadt Schwelm erkannte früh die Bedeutung und Notwendigkeit der Integration ihrer ausländischen Mitbürger und gründete bereits 1972 einen Koordinierungskreis Ausländische Mitbürger Schwelm (KAMS), der es sich zur Aufgabe machte, für Chancengleichheit und ein spannungsfreies Miteinander in Beruf und Gesellschaft in Anerkennung der jeweiligen kulturellen und nationalen Eigenarten des anderen einzutreten. Damit war Schwelm eine der ersten Städte in Nordrhein-Westfalen, die eine offizielle politische Interessensvertretung aller ausländischen Einwohnerinnen und Einwohner einrichtete.

Nicht wenige Schwelmer erinnern sich noch an diese frühe KAMS-Zeit mit Peter Kühne, Michael Treimer und z.B. dem Kroaten Dane Ivkovic, der lange Jahre einer der Festposten des KAMS wurde. Augenfälliges Symbol der Kraft der ausländischen Schwelmer wurde das Internationale Folklorefest, das in diesem Jahr zum 34. Male stattfand.

Alle in Schwelm lebenden ausländischen Bürger können ihre KAMS-Vertrauensleute wählen, die für die Dauer der Ratslegislaturperiode amtieren. Derzeit besteht der KAMS aus  24 Mitgliedern: 14 vom Rat bestimmten Vertrauensleuten der ausländischen Mitbürger, 6 Vertretern der dem Rat angehörigen Fraktionen, 3 Vertretern ortsansässiger Wohlfahrtsverbände und dem Sozialdezernenten der Stadt Schwelm. Nach wie vor gibt es ein Leitthema: Man möchte kein Nebeneinander der Kulturen, sondern ein Miteinander.

Vorsitzende des KAMS ist aktuell Elisabeth Christoforidou, ihr Stellvertreter Özkan Akbaba. Offen sprechen beide über ihre Arbeit für das Gremium und ihre Zielsetzungen.

So geben E. Christoforidou und Ö. Akbaba montags nachmittags Sprechstunden für ausländische Bürger, die Griechin im städtischen Fachbereich Jugend, Soziales in der Moltkestraße, der Türke in den Räumen der JobAgentur an der Berliner Straße. Auch daneben sind sie stets erreichbar, weil „Hilfe in einer bestimmten Situation sofort geleistet werden können muss“.

„Unsere Beratung und Unterstützung ist für jedermann. Wie helfen Männern und Frauen, verständigen uns in allen Sprachen und man kann uns auf jedes Thema ansprechen“, betonen die beiden engagierten Schwelmer Bürger, die sowohl souverän, als auch diplomatisch sind. Beide leisten ihre Unterstützung für ausländische Bürger ehrenamtlich.

Ihrer Erfahrung nach ist die Sprache der Schlüssel für ein erfülltes Leben. Weil es hier bei vielen Ausländern noch Probleme gibt, hat sich Özkan Akbaba einen Schwerpunkt gesetzt, indem er sich durch das Sozialgesetzbuch gearbeitet hat und nun türkischen Landsleuten die Lage der Dinge verständlich machen kann. Gesetze und Vorschriften schweben so nicht mehr wie eine schwere Wolke über den Menschen, die sich wehrlos deutschen Regelwerken ausgesetzt fühlen. Sie verstehen nun, dass hier Lebenslagen für Deutsche wie für Ausländer verhandelt werden und dass diese Regeln bei der gerechten Organisation des Lebens sehr hilfreich sind. 

Elisabeth Christoforidou nennt andere Beratungsthemen. So geht es in ihren Sprechstunden häufig um das korrekte Ausfüllen von Rentenanträgen. Oder um Scheidungsfälle und deren Folgen. Oder eine Frau kommt zum Gespräch, um zu erfahren, wie sie ein eigenes Konto eröffnen kann. Oder es geht um die Frage, ob Kinder mit auf die Klassenfahrt gehen können.

Das KAMS-Führungsduo ist der Meinung, dass man mehr auf die Menschen zugehen muss. So gewinne man ihr Vertrauen. Beide fordern aber auch ein wachsendendes Interesse ausländischer Bürger an ihrem Umfeld: „Die Menschen müssen lernen, selber aktiv zu werden!“

Özkan Akbaba lebt seit 31 Jahren in Schwelm. Er war im Einzelhandel tätig und arbeitete auch als Kunststofftechniker und Busfahrer. Für ihn ist die hervorragende Zusammenarbeit mit Peter Eibert der Grundpfeiler gelingender Arbeit. Der Leiter des städtischen Fachbereichs Jugend, Soziales ist seit vielen Jahren Ansprechpartner für die Mitglieder des KAMS und organisiert gemeinsam mit ihnen Ausstellungen und das Folklorefest. In sein Lob bezieht Ö. Akbaba die gesamte Schwelmer Verwaltung mit ein: „Ich treffe hier auf sehr anständige und hilfsbereite Beamte“.

Elisabeth Christoforidou, die als Sechsjährige nach Schwelm kam, sagt: „Ich hatte das Glück, in der Schule von Rektor Reinhof gefördert zu werden. Später habe ich dann eine Ausbildung bei Lederwaren Schwalm absolviert“. Heute ist die alerte Frau bei REWW tätig, wo sie voll und ganz für die Kunden da ist. Nach Griechenland hat sie keine Wurzeln mehr: „Schwelm ist meine Stadt!“

Özkan Akbaba und Elisabeth Christoforidou möchten durch ihre Arbeit dazu beitragen, dass sich die Menschen in Schwelm noch mehr, „wie eine Familie fühlen“. „Wir wünschen uns von unseren ausländischen Bürgern, dass sie stärker teilnehmen an allem. Viele leben noch sehr für sich. Unsere Bitte lautet: Macht mit! Nehmt teil an der Arbeit des KAMS und am öffentlichen Leben! Lasst euch nicht bitten, kommt von alleine dazu!“

Beide KAMS-Leiter sind im Schwelmer Stadtbild präsent, man sieht sie bei der Arbeit oder beim Einkauf, und immer gehen sie unmittelbar auf ihre Gesprächspartner ein. Beide sind Persönlichkeiten, die sich für eine glückliche und erfüllte Gegenwart und Zukunft der Menschen einsetzen – ausländischer wie deutscher!

Schwelm, den 20. Juli 2010

 

 

Mit der Bandweberei befasst sich die nächste Quartalsführung im Schloss Martfeld am Sonntag, dem 3. April. Foto: Arno Kowalewski
Peter Eibert, Leiter des Fachbereichs Jugend, Soziales, gratulierte Ozkan Akbaba und Elisabeth Christoforidou zu ihrer Wahl als KAMS-Vorstand.
„Wir wünschen uns von unseren ausländischen Bürgern, dass sie stärker teilnehmen an allem. Viele leben noch sehr für sich. Unsere Bitte lautet: Macht mit! Nehmt teil an der Arbeit des KAMS und am öffentlichen Leben! Lasst euch nicht bitten, kommt von alleine dazu!“, fordert Elisabeth Christoforidou mehr eigenes Engament.
"Wir helfen Männern und Frauen, verständigen uns in allen Sprachen, und man kann uns auf alle Themen ansprechen". versichert Özkan Akbaba. Fotos: Heike Rudolph
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