Bürger gedenken der Opfer des Holocaust

Bürgermeister: „Wir stehen als Menschen für Menschen ein, jetzt und hier!“

Rund 40 Bürgerinnen und Bürger begrüßte Bürgermeister Jochen Stobbe jetzt in der Südstraße 7 zum Gedenken an die Opfer des Holocaust. Jedes Jahr kommen am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch russische Truppen im Jahr 1945, Bürger zu einem stillen Miteinander am Schwelmer Gedenkstein zusammen. Darunter auch Frau Ingrid Andre als Anwohnerin, die sich um den Gedenkstein kümmert, wofür Jochen Stobbe ihr mit Blumen und einem Buchgeschenk herzlich dankte.

Der Bürgermeister bezeichnete die Konzentrations- und Vernichtungslager als „unbegreifliches Zwischenreich. Als Kontinent, der nicht von dieser Welt ist. Noch ehe man begreifen konnte, was man dort sah – die Nackten, die Sterbenden, die Toten, - zerriss es einem das Herz.“

Und weiter: „Wenn wir heute hier zusammen stehen, dann geht es zunächst um die Erinnerung an all die Opfer des Holocaust. Indem wir uns an sie erinnern, nehmen wir sie noch einmal in das Leben hinein, sie sollen nicht vergessen sein. Erinnerung heißt aber auch Verpflichtung: Was einmal geschah, kann wieder geschehen, Gewalt ist nie für immer gebannt.

Auch und gerade vor dem Hintergrund der Mordanschläge von Paris ist es mir ein Anliegen, an Gemeinschaft, Verständnis und Nähe zu appellieren. Wir sind Menschen unter Menschen, über Religion und Volkszugehörigkeit und schlimme Vorurteile hinweg. Mir imponiert die Erklärung der türkisch-islamischen Gemeinde Schwelm, die zum Frieden unter den Menschen aufruft und gegen Terrorismus ein Zeichen setzt.

Wir haben auch durch den Holocaust erfahren, wie erschütternd einfach es ist, persönliche Unzufriedenheit, eigenes Unglück, Neid oder individuelle Aggression über wehrlose Dritte abzuleiten. Mit aller Entschiedenheit sage ich daher ,Nein‘ zu jedem Versuch, auch heute in unserer Gesellschaft, Hass gegen Dritte zu säen: Ob Hass gegen Ausländer, Hass gegen alles, was mir fremd ist, Hass gegen Menschen, die unsere Unterstützung brauchen.

Ich wehre mich gegen jeden Versuch, Menschen zu Sündenböcken zu machen. Beim Flashmob im Mai dieses Jahres in Schwelm haben sich Hunderte Bürger aus vielen Nationen mit uns für die Vielfalt der Menschen ausgesprochen, das war ein wichtiger Schritt. 

Wir alle müssen schon zu Beginn von Ausgrenzung und Abwertung laut, vernehmlich und ohne Angst sagen: Wir machen da nicht mit. Wir stehen als Menschen für Menschen ein, jetzt und hier.

Das ist - 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wo sich die Nationen einander überlegen fühlten, und 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sowie 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz - eine Lehre für mein Leben“.

Wie in den Vorjahren gestaltete auch in diesem Jahr die „Stolpersteingruppe“ des Märkischen Gymnasiums das Gedenken mit. Die beiden Pädagoginnen Gabriele Czarnetzki und Anke Buetz und die Schülerin Ellen Reisewitz lasen aus Dokumenten von jüdischen Naziopfern. So begann der ungarische Jurist Dr. Janos Hoffmann, der später deportiert wurde, 1940 mit dem Schreiben eines Tagebuches, das von „Judengesetzen“, „Erniedrigungen“ und „Entrechtungen“ erzählt. Dr. Hoffmann:  „Eigentlich stelle ich mir auch jetzt noch oft vor: das ist nicht wahr, das kann nicht sein, das ist vermutlich nur ein böser Traum“.

Zu Gehör gebracht wurde auch eine Kurzgeschichte von Sina Janssen, einer ehemaligen Schülerin des Schwelmer Gymnasiums. Sie spielt in der Schule während des Dritten Reichs und erzählt davon, wie der einzige jüdische Schüler ignoriert wird. Als er nicht mehr zum Unterricht kommt, heißt es, er sei nun auf der jüdischen Schule. Drei Monate später wohnt der Junge nicht mehr im Judenhaus. Der Pastor erklärt: „Er wurde weggebracht“. Zum Schluss ist auch der Pastor fort, unter der Hand heißt es, wegen „Wehrkraftzersetzung“.

Schwelm, den 30. Januar 2015 

Kranzniederlegung am Gedenkstein in der Südstraße: Rund 40 Bürgerinnen und Bürger hatte Bürgermeister Jochen Stobbe zum Gedenken an die Opfer des Holocaust begrüßen können.
Anke Buetz, Gabriele Czarnetzki und Ellen Reisewitz gestalteten das stille Miteinander durch Lesungen mit.
Der Gedenkstein am Standort der früheren Schwelmer Synagoge.
Ingrid Andre (r.), hier mit Frau Höller, kümmert sich seit vielen Jahren um den Gedenkstein. Bürgermeister Jochen Stobbe dankte ihr mit Blumen und dem Buch "Akte Pinc" der Stolpersteingruppe. Fotos: Stadtverwaltung Schwelm / Heike Rudolph
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