Bürgermeister Jochen Stobbe: „Wir haben noch einmal von vorne beginnen dürfen“

Von Kriegsende und Neubeginn in Schwelm / Gedenkfeier im Haus Martfeld zum 8. Mai 1945

„Unsere Gedanken sind an diesem Tag nicht nur bei den Ereignissen des 8. Mai 1945, den die meisten von uns persönlich nicht miterlebt haben. Wir denken heute auch an die sich wandelnden Deutungen dieses bedeutenden Tages auch und gerade für deutsche Bürger. Und vor allem blicken wir auf die vergangenen 70 Jahre in Frieden und Freiheit, blicken auf unser demokratisch geprägtes Leben in unserem Land“: Mit diesen Worten begrüßte Bürgermeister Jochen Stobbe Bürgerinnen und Bürger aller Generationen zu einer Gedenkstunde im Haus Martfeld.

Auch aus wachsender zeitlicher Distanz blieben die Ereignisse unvergesslich und unbegreiflich. Stobbe: „Der Abstand der Jahre stumpft uns nicht ab. Im Gegenteil: Bilder von zu Tode gequälten KZ-Opfern, verhungerten Zwangsarbeitern, erhängten sogenannten Deserteuren, im Eis erfrorenen Soldaten, brennenden Städten, vergewaltigten Frauen und auf der Flucht verloren gegangenen Kindern lassen uns auch heute nicht los“.

1945 hätten Millionen Menschen nicht glauben wollten, dass „ihr“ Deutschland besiegt worden war, sie sprachen von der „Überrollung“. Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker habe 1985 den Weg gewiesen mit seinen Worten: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung“.

Der Zweite Weltkrieg hat auch in Schwelm stattgefunden. Auch Schwelmer Männer kämpften als Soldaten an wechselnden Fronten. Frauen und Kinder mussten sehen, wie sie zurechtkamen. Viele Schwelmer froren und hungerten. Schwelmer Unternehmen wurden auf Rüstungsproduktion umgestellt, und Bombenangriffe auf die Stadt töteten und verletzten Menschen und zerstörten viele Gebäude.

Auch in Schwelm habe die Bevölkerung in der Zwingschraube der Nazis gesteckt, sei total kontrolliert worden. Jochen Stobbe: „Auch Schwelmer haben ihren Mut zum Nein mit erniedrigender Haft im Konzentrationslager Kemna oder auf der berüchtigten Steinwache  in Dortmund bezahlen müssen – denken wir an August Kuschmirz.“ Misstrauen und Denunziationen fraßen sich bis in die Familien hinein.

Das Gedenken galt auch den Schwelmern jüdischen Glaubens, von denen nur wenige ihr Leben retten konnten, und den ehemaligen Zwangsarbeitern.

In Schwelm bedeuteten der 13.  und der 14. April 1945 das Ende der Kriegszeit. Jochen Stobbe zitierte Tagebuchaufzeichnungen aus Klaus Peter Schmitz‘ Buch über die Zeit des Nationalsozialismus in Schwelm. Hier schildern wechselnde Augenzeugen, wie die Amerikaner über den Winterberg nach Schwelm kommen:

„12.30 der Beschuss auf Schwelm beginnt. Als erstes wird die Bandfabrik Schnippering am Bandwirker Weg (Winterberg) in Brand gesetzt. Kurz drauf liegt auch die Innenstadt unter Granatfeuer“ – „17.00 Uhr. An der Schwelmer Stadtgrenze, am Tannenbaum kommen die amerikanischen Panzer zum Stehen, nachdem sie von einem deutschen Panzer und einer Vierlings-Flak, die auf der Kreuzung am Winterberg stehen, unter Beschuss genommen werden“. – „Am Nachmittag hat die Feuerwehr die Parole ausgegeben, weiße Fahnen zu hissen. Eine Weile später heißt es, der Bürgermeister sei abgesetzt, SS sei eingerückt, man hört MG Feuer.  Weiter heißt es, auf alle Fenster mit weißen Fahnen werde geschossen. Die Fahnen verschwinden. Wir möchten weinen über so viel Torheit.''- „Es folgt eine böse Nacht. Schwelm wird die ganze Nacht (von der Schwelmer  Höhe  aus)  beschossen“. – „Der Keller rappelt und bebt vom Luftdruck. Es klirren wieder Scheiben. Die Kinder klammern sich angstvoll an mich. Für alle 16 Insassen des Luftschutzbunkers wird Platz zum Schlaf geschaffen. Es kommt der angstvolle Morgen“.

Bei Kriegsende fehlte es an Lebensmitteln und Wohnraum. Ein Wohnungshilfswerk wurde ins Leben gerufen, für das Bürger, Unternehmer, Verbände und Gewerkschaften spendeten. Aus diesem Topf wurden zinslose Darlehen zur Schaffung von Wohnraum vergeben.

Nach Schwelm kamen einige Tausend Flüchtlinge, viele hatten einen schweren Stand, waren nicht willkommen. Die in Schwelm sehr aktiven Landsmannschaften haben immer wieder zu Recht darauf hingewiesen, dass auch die vielen Flüchtlinge die Geschichte unserer Stadt mitgeschrieben haben.

Vom Wiederaufbau der Stadt wurde erzählt, vom Mehrparteiensystem, dem Aufbruch der Wirtschaft. Damals, als es vielen am Nötigsten fehlte, wurde die Schwelmer  Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege gegründet, die bis in die 60er Jahre hinein Mensch half, menschenwürdig zu überleben. Der Bürgermeister: „Das ist übrigens ein Schwelmer Erbe, das uns mit großem Stolz erfüllen sollte“. Und stolz mache ihn auch die Arbeit der „Stolpersteingruppe“ des Märkischen Gymnasiums.

Die ungelernte Demokratie sei angenommen worden: „Deutschland hat noch einmal von vorne beginnen müssen. Ich meine, wir sollten sagen: Deutschland hat noch einmal von vorne beginnen dürfen“. Das Ende des Zweiten Weltkrieges sei der Beginn eines neuen freien und selbstverantwortlichen Lebens gewesen.

Mit seinem französischen Amtsbruder Daniel Level aus Schwelms Partnerstadt Fourqueux sei er sich darin einig, dass die Bedeutung der europäischen Idee gar nicht überschätzt werden könne.   

Vor dem Hintergrund der Flucht von  Millionen Menschen vor 70 Jahren bat Jochen Stobbe die Zuhörer um Unterstützung für die Flüchtlinge der Gegenwart.  

J. Stobbe: „Und ich bitte Sie noch um etwas: Demokratie ist kein Geschenk, Demokratie müssen wir uns stets aufs Neue erarbeiten, um den Frieden zu sichern. Lassen Sie uns unsere Demokratie beschützen, damit sie uns beschützen kann!“

Heike Rudolph, Pressesprecherin der Stadtverwaltung, und Kulturbüroleiterin Gabriele Weidner lasen sechs verschiedene Stimmen zur „Stunde Null“ vor (u.a. Barbara Rütting, Georg Stefan Troller, Ralph Giordano, Coco Schumann), die das Kriegsende als Halbwüchsige und junge Erwachsene von ganz unterschiedlicher Warte aus erlebt und empfunden hatten. Keine Frage, dass das Fühlen der glühenden Hitler-Verehrerin  sich von den Gefühlen des Deserteurs, des KZ-Opfers, des Untergetauchten und des US-Befreiers unterschied.

Mit sensibel ausgewählten Kompositionen trugen Simon Meisen (Klavier), Kaung-Ae  Lee (Klavier) und  Anke Meisen (Querflöte), Nachdenklichkeit, Trauer, aber auch Gefühle von Liebe und Lebenskraft in das Gedenken zum Kriegsende.

Schwelm, den 12. Mai 2015

 

 

Die Stadt Schwelm bietet das Grundstück Westfalendamm 15 zum Kauf an. Foto: Heike Rudolph
Die Stadt Schwelm bietet das Grundstück Westfalendamm 15 zum Kauf an. Foto: Heike Rudolph
Blick auf die obere Bahnhofstraße und die Christuskirche nach der Zerstörung durch Bomben.
Bürgermeister Jochen Stobbe: "Lassen Sie uns unsere Demokratie beschützen, damit sie uns beschützen kann!“ Foto: Arno Kowalewski
Die schwer in Mitleidenschaft gezogene Hauptstraße 1945.
Musik und eine Lesung mit Stimmen zur "Stunde Null" waren Teil des Gedenkens zum Kriegsende vor 70 Jahren. Foto: Arno Kowalewski
Schwelm wird enttrümmert.
Serviceportal