Von Orkanen und Kraftwerken, Windrädern und Baumschulen

Erstellt von Heike Rudolph |

Schwelm und Kolberg sind beim Klimawandel „Comenius-Regio-Partner“

Der Klimawandel macht nicht an Ländergrenzen halt; seine Auswirkungen können sich – je nach Region – unterschiedlich darstellen. In Westeuropa und damit auch in Schwelm zerstören Orkane wie „Kyrill“ riesige Waldflächen. An der polnischen Ostseeküste wiederum reißen gewaltige Stürme, die in immer kürzeren Abständen aufeinanderfolgen, inzwischen beträchtliche Teile der Küsten fort. Dank der Europäische Union und ihres in dieser Form zum erstenmal aufgelegten Programms „COMENIUS-REGIO-PARTNER“ hat sich jetzt eine Schwelmer Delegation im polnischen Kolberg (Kolobrzeg) von den Schäden vor Ort ein Bild gemacht und dabei von vielen beeindruckenden Umweltmaßnahmen gehört, die unsere östlichen Nachbarn auf den Weg gebracht haben. Intensiv tauschten sich Schwelmer und Kolberger Schüler und Lehrer sowie Vertreter von Schulverwaltungen und  Umweltverbänden aus.

Kurz vor dem Eintreffen der Schwelmer hatte ein Orkan große Teile des Kolberger Strandes zerstört. Viel Sand war ins Meer gespült worden,Treppenaufgänge drohten einzustürzen: für eine ausgewiesene Kurstadt (Salz, Moor-, Solebad) eine mittlere Katastrophe. Die tiefgreifenden Schäden waren unübersehbar und wurden von den deutschen und ihren polnischen Partner-Schülern gemeinsam untersucht. Der Kolberger Küstenschutz lässt keinen Zweifel daran, dass man nicht mehr mit einem Rückgang schwerer Stürme rechnet. Man geht daher neue Wege, indem man durch vorgelagerte künstliche Riffe die Kraft des Wassers vor der Küste zu brechen versucht und zudem Teile des Strandes mit Beton sichern wird.

Umweltschutz in Kolberg vollzieht sich auf vielen Feldern. Dem städtischen Umweltamt zufolge ist Asbest auf den Dächern vieler Hochhausbauten ein zentrales Problem. Privatleute seien mit der Sanierung finanziell überfordert, so dass man auf Mittel der EU hoffe. Hochwasser führt zum Rückstau im Fluss Persante und gefährdet Vogelbrutgebiete. Organische Abfälle werden kompostiert. Eine umfassende Mülltrennung steht kurz vor der Einführung. Eine neue Kläranlage schützt Fluss und Meer vor Schadstoffen. Kinder werden schon in den Kindergärten und Schulen zum angemessenen Umweltverhalten angehalten. Und beim örtlichen Energieversorger MEC erfuhren die Schwelmer, wie ein modernes Kohlekraft funktioniert. Im Windpark Tymien machten sie sich ein Bild vom großen Engagement der polnischen Partner für dieses Form der Energiegewinnung.

Die Partnerschule arbeitet in mehreren Projekten mit Ländern des baltischen Raums zusammen: hochinteressante Projekte, wie die Schwelmer befanden. So werden z.B. Moosbällchen auch aus Polen nach Finnland geschickt, wo ein Unternehmen die Schadstoffbelastung der Pflanzen aus verschiedenen Ländern ermittelt.

Mitten im Wald wurde die Gruppe an einem übrigens bitterkalten Tag von den Forstfachkräften am offenen Feuer begrüßt. Um die Gäste erst einmal wieder warm zu bekommen, wurden Krakauer Würstchen auf Stöcke gespießt und gebraten. Dazu gab’s heißen Kaffee und dann folgte eine überaus beeindruckende Führung durch die dortige Baumschule mit ihren Rotbuchen, Haselnussbäumen und Erlen. Die riesigen Anlagen müssen mit der Hand ohne Einsatz von Chemikalien vom Unkraut befreit werden. Vor Ort nahm man einige Bäume als Gastgeschenk mit und pflanzte sie gemeinsam am nächsten Tag auf einem Kolberger Friedhof.

Dieser vor gut 25 Jahren angelegte Friedhof spiegelt wider, wie sehr die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges Land und Leute geprägt haben. Ein großes Denkmal ist den polnischen und den russischen Toten gewidmet. Ein eigenes Gräberfeld gehört den Polen, die nach Sibirien verschleppt worden waren. Dieses Terrain werden nun die von den deutschen und polnischen Schülern gepflanzten Bäume beschützend abschließen. Es war zu hören, dass seit ein paar Jahren auch auf diesem Friedhof deutsche Jugendliche während des Sommers bei der Grabpflege helfen.

Jedem größeren Fest geht eine Messe auf diesem Friedhof voraus: zum Zeichen dafür, dass die Toten immer unter den Lebenden sein werden und dafür, dass die Lebenden wissen, wohin ihr Weg sie auch einmal führen wird. Überhaupt hatten die Schwelmer schon kurz nach dem anderthalb stündigen Flug von Dortmund nach Danzig über die Bedeutung des Feiertages „Allerheiligen“ in  Polen gestaunt. Denn während der gut vierstündigen Busfahrt von Danzig nach Kolberg passierten sie mehrere Friedhöfe, die mit ihren hellen Herbstblumen und Grablichtern weit in den dunklen Abendhimmel leuchteten. Und immer wieder strömten Hunderte von Menschen zu den Kirchen oder den Grabstätten. An Allerheiligen, so lernte man, besucht man in Polen die Familie, rückt zusammen, lebt Gemeinschaft.

Die Schwelmer waren in ein dicht gewobenes Besuchs- und Veranstaltungsprogramm eingebettet. Zentraler Punkt war stets die Partnerschule Zespol Skol Nr. 2 gleich neben dem Hotel, in dem man wohnte. Hierin kehrte man nach den Gesprächen über die Umwelt immer wieder zurück, um in Lektionen das Erfahrene aufzubereiten. Die Schüler schrieben in Polnisch, Deutsch und Englisch Erfahrungsberichte. Hoch interessant war zudem eine Einführung in das polnische Schulsystem, wo die Kinder bis zum Alter von 16 Jahren auf dem Gymnasium zusammen lernen. Wer eine höhere Schulausbildung anstrebt, wechselt dann auf das Lyzeum. An der Zespol Skol Nr. 2. lernen gut 400 Schüler bei 44 Lehrerinnen und Lehrern – zu viel für die Gebäudekapazitäten, so dass umschichtig vormittags und nachmittags unterrichtet wird. Die beste Note ist die 6, die schlechteste die 1. Ganz offensichtlich spielen Schulvergleiche oder Wettkämpfe in sportlichen oder anderen Disziplinen in Polen eine große Rolle – das verdeutlichte die Anzahl der Diplome und Pokale in der Schule. 

Staunen und Ehrfurcht: Anders lassen sich die Gefühle kaum beschreiben, die die Schwelmer beim Besuch des Kolberger Doms ergriffen. Man konnte nur erahnen, unter welchen Opfern die Bürger dieses Glanzstück der Backsteingotik nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut haben. Wie im Stadtmuseum und auch im Waffenmuseum zu hören war, muss um Kolberg ein ungeheurer Häuserkampf getobt haben. Bei Kriegsende waren die Einwohner geflohen und 90 Prozent der Bausubstanz zerstört. Neben dem wieder aufgebauten Dom sind es das Rathaus im neugotischen Stil und der Leuchtturm, die zu Kolbergs Sehenswürdigkeiten gehören. Immer wieder war in dieser Stadt, die einst durch Salzgewinnung und Fischhandel berühmt geworden war, die herausragende Rolle der katholische Kirche in Polen zu spüren.

Die Schwelmer waren äußerst freundschaftlich aufgenommen worden. Ein Abendessen mit dem Bürgermeister, mit der Direktorin der Schule und Vertretern der Behörden stand ebenso auf dem Programm wie ein Besuch der Schule für Umwelt- und Seefahrttechnik.

Die Fülle der Begegnungen und des Wissensaustausches zum Thema Klimawandel und Umwelt war enorm. Kein Wunder, dass die Teilnehmer nach fünf Tagen glaubten, schon 14 Tage in Kolberg zu sein. Aus den gemeinsam gewonnenen Erfahrungen werden auch gemeinsame Projekte zwischen den Schulen und Umweltverbänden erwachsen. Im März und im Herbst 2010 werden die polnischen Partner Schwelm besuchen; und die Schwelmer fliegen noch einmal im März 2011 nach Kolberg. Sehnsucht spüren die Schwelmer schon jetzt, so unvergesslich waren diese Tage.

Peter Suck (Ltg.), die Lehrerinnen Bärbel Brockmann und Henriette Olbrich und die Schüler Niklas Büttner, Dominik Zogakis, Philipp Föllmer und Meryem Malek (alle Gustav-Heinemann-Schule), Dieter Lalic und Margit Passehl (Schulverwaltung), Elke Zach-Heuer und Sabine Mester-Schelper (Biologische Station(AGU) und Heike Rudolph (Presse) sagen „Dziękuję!“ und „Do widzenia!“ (Danke und auf Wiedersehen!).

Schwelm, den 19. November 2009

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Ausstellung "dialog 2" wird Freitag um 19 Uhr im Schloss Martfeld eröffnet. Foto: Arno Kowalewski
Wie man sieht, waren Waffeln, Kaffee und Kuchen schon bei früheren Bergischen Kaffeetafeln in der Stadtbücherei heiß begehrt. Fotos: Heike Rudolph
Die Schwelmer Gäste und ihre polnischen Partner zu Gast beim örtlichen Energieversorger MEC, der sein Fernwärmewerk vorstellte.
"Du sollst dir ein Bildnis machen", meint Zbigniew Pluszynski (Bildmitte), dessen hervorragende Porträts bis zum 5. September im Schloss Martfeld zu sehen sein werden. Foto: Volker Speckenwirth
Wärme im Wald: Schulleiter Peter Suck, Lehrerin Bärbel Brockmann und Elke Zach-Heuer von der Biologischen Station waren dankbar für heiße Krakauer Würstchen im Forst.
Historisches Panorama der Stadt, aufgemalt auf eine Wand des Kolberger Museums.
Unsere lieben Gastgeber und Dolmetscher im Gespräch.
Blickauf den Hafen von Kolberg. Fotos: Peter Suck/Heike Rudolph
Lehrerin Henriette Olbrich, Dieter Lalic (Schulverwaltung) und die Schwelmer Schüler Niklas Büttner, Phlipp Föllmer, Meryem Malek und Dominik Zogakis auf dem Kolberger Friedhof.
Schadensaufnahme am arg in Mitleidenschaft gezogenen Strand von Kolberg.
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