„Das Selbstporträt der Deutschen“ im Schloss Martfeld

Zehn Künstler, zehn Wege zum Selbstbild

Selbstbilder sind nützlich, sie können Sicherheit und Gebundenheit spenden, sie können unser geistiger Ort in der Welt sind. Selbstbilder können auch gefährlich werden und – in Übersteigerung - Kriege provozieren.

 

Noch Jahre nach dem 2. Weltkrieg behaupteten sich Wesenszuschreibungen, die zum jeweiligen Nationalcharakter eines Volkes zu gehören schienen. Zwar verblasste in der Selbstwahrnehmung der Deutschen schon die besondere Stellung als Dichter und Denker unter den Völkern. Dafür wurde den Deutschen Fleiß, Ordnung und Pünktlichkeit attestiert. Bis heute scheinen wir gerne zu diskutieren und zu analysieren, zu tüfteln und zu konstruieren, und unsere Seelenlage pendelt sich vermeintlich zwischen kritisch und melancholisch ein.

 

Mit dem Abstand der Jahre und vor allem nach 1968 hat sich unser Selbstbild in vielem gewandelt. Heute erfüllt viele Bürger ein Unbehagen, wenn sie das Deutsche auf den Punkt bringen sollen. Nicht, weil sie nicht gerne deutsch wären, sondern weil sie um die Gefahren solcher Festlegungen wissen.

 

Noch bis zum 6. Oktober ist im Schloss Martfeld die Ausstellung „Das Selbstporträt der Deutschen“ zu sehen, die im Rahmen der „Ost-West-Kontakte“ die Städte Wuppertal, Schwelm, Solingen und Remscheid verbindet und in die die Schwelmer Journalistin Heike Rudolph einführte. Zehn Künstlerinnen und Künstler haben sehr persönliche und überraschende Wege gefunden, dem Deutschsein bzw. dem Heimatgefühl auf die Spur zu kommen.

 

Zbigniew Pluszynski hat Spätaussiedler aus Russland und Polen fotografiert hat, die ihren Weg in der Bundesrepublik gemacht haben. Beim Überschreiten der Grenze ist ihnen etwas Lebensbestimmendes abhanden gekommen, ein Teil ihrer Seele ist in der alten Heimat geblieben. Im Osten hatten sie konsequent ein Deutschtum gelebt, dass es in dieser normativen Form im Westen schon nicht mehr gab. Eine surreale Erfahrung und ebenso irritierend wie die Erkenntnis, im Osten die Deutschen gewesen zu sein und im Westen als Polen oder Russen wahrgenommen zu werden.

 

Die Künstlerin Geli S. hat sich selbst befragt: Was ist für mich Heimat? 1. Der Ort, an dem die Menschen sind, die ich liebe. 2. Mein Haus. 3. Meine Freiheit. Mit Stickbildern, Zeichnungen und Diapositiven in Guckkästen hat sie diese drei Leitlinien für ihr Leben künstlerisch aufbereitet. Ihre Bilder sind traumhafte Vorstellungen von ziehenden Vögeln, von Koffern, in denen Menschen ihr Heim mitnehmen und von leuchtenden Bäumen und Himmeln. Sinnbilder für jene prägenden Muster, Formen und Farben unseres Lebens, die über verlassene Orte und Zeiten hinweg Bindungskräfte in uns entfalten.

 

Mit einem Teppich aus Einkaufsbons und Eintrittsbillets überrascht Zahra Hassanabadi aus dem Iran. Der Künstlerin war aufgefallen, dass es in Deutschland für alles und jedes Belege oder Dokumente gibt, manchmal gleich in mehrfacher Ausfertigung. Sie nahm wahr, wie viel Papier dabei zusammenkommt und im Grunde, wieder als überflüssig, weggeschmissen wird. Spüren wir selber noch die täglich praktizierte Verschwendung hinter diesen Dingen? Einziges Gegenwicht in ihrem Kunstwerk bilden die Billetts, die die Museumsbesuche der Künstlerin bezeugen. Die Wahl des Technik fiel ihr leicht, sie verweist damit auf das kunstvolle Teppichhandwerk ihrer Heimat, mit dem sie die Symbole unserer Warenwelt veredelt. 

 

In ihrer Installation hat Regina Friedrich-Körner Fotos von Menschen wie Negative zusammengeführt, Sinnbilder für unsere Lebensgeschichte, die in uns abgelagert ist. Von Zeit zu Zeit züngelt Licht durch diese Schattenbilder, erhellt sie in Partien und erlischt wieder. Auf einer zweiten Ebene führt sie die Sprache zu. Im Takt der collagierten Bildfolgen und ihres Hell-Dunkel-Wechsels sind die Äußerungen dreier Sprecherinnen unterlegt, die in Überblendungen aus ihrem Leben erzählen. Bilder und Sprache schwingen in einen beruhigenden und einheitlichen Rhythmus ein, der Sogcharakter entwickelt. Die Installation ist so angelegt, wie unser Gedächtnis arbeitet, nämlich nicht als dokumentarisch zuverlässiges Geschichtsbuch, sondern als Gefäß für Momentaufnahmen, in denen Gefühle oder Entwicklungsschritte uns wieder erinnerlich werden.

 

Für Petra Pfaff stellt sich nicht in erster Linie die Frage nach dem Wesen des Deutschseins. Sie sieht die Menschen eher in Verbänden oder Gruppen, jedenfalls als Gemeinschaft, in der jeder seine eigene Farbe besitzt. Das wird in ihrer Arbeit „Skelettierung“ deutlich, die aus 150 Jahre alten Buchenstämmen besteht. Jeder Stamm steht für eine individuelle Persönlichkeit, die aber immer im Wechselbezug mit den anderen Objekten gesehen werden muss, mit größeren und kleineren, prächtigeren und schmächtigeren Mitgliedern. Manche dringen auf Nähe, andere halten Abstand oder werden auf Distanz gehalten.  

 

Peter Amanns Beitrag „Typisch Deutsch“ stellt einen deutschen Leiterwagen in den Raum, der von deutschen Gartenzwergen bewohnt wird und Kunde gibt vom deutschen Bastel- und Heimwerkerwesen. Die deutsche Landschaftsidylle ist präsent, die deutsche Gemütstiefe wird beschworen, deutsche Nähe zum Gedicht, deutsche Lust an der Arbeit, deutsche Liebe zum Vaterland. Neo-Nazis, Beate Uhse, die Westbindung, das Pfadinderwesen und ebenso ein Hang zum Irrationale werden symbolisch dingfest gemacht. Doch auf den Objekten liegt der Charme des Abgeblätterten und Vergilbten und wir fragen uns, welche dieser Zuschreibungen  noch Wirkung besitzen und welche sich überlebt haben. 

 

In Bartek Srokas Installation „Das zweite Leben“ wird ein Spiegel aus Deutschland vorgestellt, den der Künstler auf einem Flohmarkt in Lubin entdeckt und nach Deutschland zurückgebracht hat. Der in den Spiegel eingelassene Film nimmt uns mit auf den Weg über diesen Flohmarkt, wo Fahrräder und Tische, Schuhe und Spielzeug ebenfalls auf ein zweites Leben warten. Der Spiegel als selbstverständlicher Grenzgänger macht Mut, es ihm als Mensch nachzutun. Was sind schon Grenzen?

 

Boris von Reibnitz ist in den vergangenen Jahren viel gereist, vor allem nach Frankreich und Polen. Er verarbeitet in seiner Installation seine eigenen Erlebnisse als Deutscher mit anderen Kulturen. Die verschiedenen Details verdeutlichen, wie ihn der Kontakt mit den fremden Menschen geprägt hat , aber auch, wie seine eigene Kultur ein fester Bestandteil bleibt.

 

Teresa Wojchiechowska nimmt in ihren „Ge-Schichten“ den philosophischen und poetischen Gehalt des Thema Baum in den Blick, wobei der Baum für das Leben des Einzelnen steht. Wir wachsen, legen Schichten in uns an, das Leben setzt sich in uns ab wie in einem Stamm. Wie jeder Baum, so ist auch jedes Leben individuell – mit große und kleinen Stämmen, schmalen und breiten, auf Linie getrimmte und aus der Reihe tretende. So einzigartig auch jeder Stamm ist, so sehr brauchen wir die anderen Bewohner des Menschenwaldes -zu unserem Glück.

 

Dagmara Angier-Sroka hat kleine Buchen als Urbäume der Deutschen mit Pflegeanleitungen versehen, auf denen zeichenhaft die Eigenschaft der Helgas und Friedrichs und Mohammeds vermerkt sind. Denn ja, Deutschland ist die Heimat auch von Menschen mit fremd klingenden Namen und jeder von ihnen hat ein Recht auf Respekt vor seinen persönlichen Achtsamkeitshinweisen.

 

Heike Rudolph: „Die Zeichnungen und Objekte, Installationen und Fotografien dieser Schau sind nicht auf einen Nenner zu bringen. Die Arbeiten sind intelligent und humorvoll, poetisch und kraftvoll, hintergründig und philosophisch. Mal ist tatsächlich das Deutschsein die zentrale Frage, dann wieder die deutsche Art in der Begegnung mit anderen. Von großer Bedeutung ist bei vielen Künstlern die nicht an Grenzen gebundene Frage nach der Heimat und nach der Freiheit des Denkens. Alle Arbeiten aber bezeugen, dass es Prägungen gibt und ebenso Entwicklung und Verwandlung. Wir sind das schon Gelebte, wir sind aber auch das Noch zu Lebende und das Neue, das stets auf uns zu kommt“.

 

Bis zum 6. Oktober, mittwochs, freitags, samstags von 10 bis 13 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr. Kein Eintritt.

 

Schwelm, den 27. September 2011

Dr. Jürgen Steinrücke: "Schwelmer machen sich für ihre Stadt stark!"
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Zur Ausstellungseröffnung herrschte beste Stimmung, v.l.: Anita Dabrowski und Ricarda Lüttig (beide Caritas Wuppertal als Veranstalter), Geli S., Regina Friedrich-Körner, Zbigniew Pluszynski, Zahra Hassanabadi, Petra Pfaff und Teresa Wojchiechowska sowie Krzysztof Kozielski, Kontrabass, Arek Bleszynski, Gitarre (begnadete Musiker der Vernissage) und Heike Rudolph (Einführungsrede). Bürgermeister Jochen Stobbe hatte den Wert des jetzt dritten interkulturellen Ausstausches betont, an dem Schwelm sich aktiv beteiligt, und zwar über das von Gabriele Weidner geleitete Kulturbüro. Unten: Zbigniew Pluszynski vor einer seiner Fotografien. Die Guckkästen ins innere Leben von Geli S., Zahra Hassanabadi vor ihrem Teppich aus Bons und die Menschen-Stämme von Teresa Wojchiechowska. Fotos: Arno Kowalewski
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