Wandern in Gesichtslandschaften

Zbigniews Pluszynskis herausragende Porträts im Schloss Martfeld

„Du sollst Dir ein Bildnis machen“, könnte das inoffzielle Thema der aktuellen Ausstellung im Schloss Martfeld lauten. Dort wurde jetzt mit 80 Gästen in heiterer Atmosphäre eine Schau mit Porträtfotos von Zbigniew Pluszynski eröffnet. Der vielseitige Künstler, seit 1954 in Bytom geboren wurde und seit Ende der 60er Jahre in Wuppertal lebt, stellt bis zum 5. September eindringliche, menschliche und vor allem hochklassige Aufnahmen von Künstlern und Kunstvermittlern aus. Aufnahmen von bekannten Wuppertaler Fotografen, Musikern, Tänzerinnen, Bildhauern (Turner-Preisträger Tony Cragg) und ebenso von Schwelmer Bürgern, denn auch hier gibt es eine sehr lebendige Szene aus Künstlern und ihren Unterstützern.

Die große Ausstellung am Vorabend des Folklorefestes wird vom Koordinierungskreis Ausländische Mitbürger (KAMS) und Peter Eibert, dem Leiter des städtischen Fachbereichs Jugend, Soziales, organisiert. Und so stehen viele der Porträtierten nicht nur der Kunst, sondern überhaupt dem Zusammenführen fremder Kulturen nahe. So nahe, dass Bürgermeister Jochen Stobbe schon von einem „Familientreffen“ sprach. Er sei dankbar für diese „internationalen Impulse für unsere Stadt“ und er bestand darauf, Alicja Pawlak an seine Seite zu holen, die diesen Abend mitvorbereitet hatte, sich aber nicht hatte fotografieren lassen wollen. Jochen Stobbe: „Jetzt machen wir uns eben persönlich ein Bild von Ihnen“.

Heike Rudolph, Pressesprecherin der Stadt Schwelm, schlug in ihrer Einführungsrede den Bogen von der Geschichte der Porträtfotografie über herausragende Fotokünstler wie August Sander, Richard Avedon, Diane Arbus und Isolde Ohlbaum bis zu Zbigniew Pluszynski.

Er ist einer jener Künstler, die Schwelm durch die Zusammenarbeit mit der Stadt Wuppertal im Rahmen der „Ost-West-Kontakte“ kennen- und schätzen gelernt hat. Zbigniew Pluszynski studierte Fotografie und Medienpädagogik und widmete sich der Reportage-, der Sozial-, der Sach- und der Theaterfotografie. Die zentrale Stellung in seinem Schaffen nimmt seit über 20 Jahren die Porträtfotografie ein.

Pluszynski stellt auf majestätische Weise die Menschen in den Mittelpunkt seiner streng konzipierten und handwerklich ausgezeichneten Arbeiten. Man ist überrascht, welche Kraft von Menschengesichtern ausgehen kann, die sich öffnen oder sich verschließen, die authentisches Wesen offenbaren oder eine Maske für die Öffentlichkeit anlegen. Der aufgeschlossene Fotograf mag Menschen, will wissen, was sie denken, schätzt sie als Bereicherung des eigenen Lebens. So, wie er über die Kamera mit den Zeitgenossen kommuniziert, so geht ihm auch die wörtliche Kommunikation über alles. Im Dialog schafft er Vertrauen und einen geschützten Raum, in dem das entsteht, was er selbst eine „1-zu-1-Situation“ nennt.

In dieser Atmosphäre sollen sich die Bildpartner so geben, wie sie selbst sich am wohlsten fühlen - mimisch, gestisch, in ihrer Haltung. Zbigniew Pluszynski möchte nicht, dass sein Gegenüber einer idealtypischen Erwartung entspricht, eine Rolle erfüllt. So beginnt ein Wechselbezug, der den Fotografen nach eigenem Bekenntnis selbst positiv beeinflusst, ein Akt der Annäherung, der auch ihn emotional vollkommen beansprucht.

Indem er seine Kamera sehr dicht an sein Gegenüber heranführt, erforscht Zbigniew Pluszynski dessen einzigartige Gesichtsgestalt aus Augen, Stirn, Wangen und Kinn, in der die Persönlichkeit mit allen Gebrauchs- und Verbrauchsspuren Form und Tiefe gewinnt. Der wahre Begriff von Schönheit liegt für den Fotografen jenseits von Werbeformaten und geschminkten Phänotypen. Gesichter werden zu stehenden Landschaften, in denen der Besucherblick auf staunende Wanderschaft geht.

So im Antlitz von Saraswati Albano-Müller, die in Indien geboren wurde und seit Jahrzehnten in Schwelm lebt. Die polyglotte Journalistin hat ihr Leben der Verständigung über den Gegensätzen verschrieben. Sie selbst spricht von der Begegnung der Kulturen. Mit Tausenden Erwachsenen und Kindern hat sie bei sich daheim oder in Schulen über Religion, Philosophie und Humanität diskutiert. 

Cornelia Wilberg leitet seit Jahren Schwelms Stadtbücherei. Stets betont und fördert sie stets das Zusammenspiel aller Kräfte und denkt sich mit ihrem Team immer neue Veranstaltungen und Anreize aus, um die Freude am Lesen zu betonen. Sie könnte im Gespräch viele gute Gründe für den Wert der Literatur anführen. Allein ihr Foto unterstreicht, wie sehr hier die Person für die Sache steht.

Kayi Schlücker ist aus dem Togo nach Schwelm gekommen, hat hier geheiratet. Die  hochgebildete Frau setze alles daran, den Blick des Westens intensiv auf das Leben der zunächst fremden Menschen zu lenken. Im Frauencafé, als KAMS-Mitglied und zuletzt auf dem von ihr moderierten „Schwelmer Afrikatag“ stellt sie Welten und Werte jenseits oberflächlicher Exotik vor.     

Wilhelm Erfurt ist Unternehmer und Kunstfreund und beides aus Leidenschaft. Jahrzehntenlang führte er das 1827 gegründete Familienunternehmen; heute unterstützt er mit seiner Stiftung unzählige Projekte aus Kultur und Natur. Wie alle anderen Porträtierten glaubt auch er, dass sich das menschliche Leben nicht berechnen, nicht auf eine Formel bringen lässt. Kunst  in allen ihren Gattungen ist nichts weniger als Berührung mit dem wahren Leben hinter der Oberfläche.  

Das meint auch Bürgermeister Jochen Stobbe, der aus dem Kontakt mit Kunst und Kultur Anregung und Ruhe für die aufregende Tagesarbeit bezieht. Hier und in der Familie fühlt er eine tiefe Qualität, die ihn bereichert und ihm Energie schenkt.

Elisabeth Christoforidou leitet den KAMS. Sie arbeitet hart daran, Menschen aus ihren ethnischen und kulturelle Nischen herauszuholen und zueinander zu führen und wünscht sich mehr Bewegung aufeinander zu. Wer diese Frau, die schon als Schülerin in Schwelm gelebte Integration verkörperte, in Aktion erlebt, der spürt Charisma und die Kraft, den Alltag zu verändern.

Der Künstler Hermann Fehst hat seiner zweiten Heimatstadt Schwelm in Zeichnungen und Gemälden ein Denkmal gesetzt. Kunst heißt für ihn „teilen können“, und so haben der bald 80Jährige und seine Frau Romy einen Künstlergesprächskreis begründet, dessen Mitglieder enge Freunde wurden.

Peter Eibert kennt das Denken und Fühlen der Menschen aus der Türkei und aus Griechenland, aus Spanien und Italien, aus dem, Libanon und aus Marokko.  Jeden Tag blickt er in viele Welten zugleich, weiß, wie und warum Missverständnisse entstehen können und sorgt für Annäherung und Ausgleich.

„Künstler und Kunstfreunde“, so hieß es an diesem Abend, „sind Sichtbarmacher von Lebensmöglichkeiten. Sie stellen keine Kosten-Nutzen-Rechnung, begreifen das Leben nicht als genormtes Werkstück oder Investment. Sie geben anderen einen Raum jenseits messbarer, quantifizierbarer und kontrollierbarer Kategorien, sie lehren durch ihre Kunst Geduld, Konzentration, Kontinuität und Selbstbefragung“.

Es gäbe immer Menschen, so H. Rudolph, die ihrem Porträt gegenüber Skepsis empfinden würden. „Sie fühlen sich nur unvollständig von einem Foto erfasst oder sehen sich anders oder misstrauen dem Augenblick, der nun für das Ganze stehen soll“. Wie der italienische Schriftsteller Luigi Malerba, der befand: „Es ist mir noch nie passiert, dass ich mich auf einem Foto wiedererkannt habe. Ich erkenne mich nicht einmal im Spiegel wieder. Vielleicht gibt es mich gar nicht.“

Wenn wir uns dennoch fotografieren lassen würden, so stünde dahinter auch der Wunsch, sich dem anderen kenntlich zu machen. So, fasste der Filmregisseur Peter Lilienthal seine Hoffnung auf ein gelungenes Porträt in die Worte: „Für einen Unbekannten so aussehen, wie jemand, zu dem man Vertrauen haben kann und den man kennen lernen möchte“.

(Zu sehen bis zum 5. September, mittwochs, freitags und samstags von 10 bis 13 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr, kein Eintritt).

Schwelm, den 20. Juli 2010 

Sonja Finke, Leiterin der Wohnberatungsagentur für den südlichen Ennepe-Ruhr-Kreis (r.), informierte über die Wohnungs- und Umfeldgestaltung bei Menschen mit Demenz. Foto: Sascha Kron
Die Gärten scheinen zu explodieren. Wer die Natur liebt, kann ihre Vielfalt mit wenigen Mitteln unterstützen. Foto: Heike Rudolph
Sehr anschaulich vermittelte Helga Nottebohm den sehr interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern, wie wichtig die Alltagsgestaltung für Menschen mit Demenz ist.
"Du sollst dir ein Bildnis machen", meint Zbigniew Pluszynski (Bildmitte), dessen hervorragende Porträts bis zum 5. September im Schloss Martfeld zu sehen sein werden. Foto: Volker Speckenwirth
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