Bäume pflanzen, Salzelektrolyse und Raufaserherstellung mit Rücksicht auf Natur

Erstellt von Heike Rudolph |

COMENIUS-Regio-Projekt der Europäischen Union: Kolberger Partner gewannen tiefe Eindrücke von Umweltschutzmaßnahmen in Schwelm

Nachdem eine Schwelmer Delegation im November vergangenen Jahres die polnische Stadt Kolberg besucht hatte, fand jetzt der Gegenbesuch in Schwelm statt. Im EU-COMENIUS-Regio-Projekt arbeiten die Gustav-Heinemann-Hauptschule und die Zespol Szkol Nr. 2 zusammen. Lehrer, Schüler, Schulamtsmitarbeiter und Vertreter von Umwelteinrichtungen tauschen sich zum Thema „Klimawandel in Europa“ aus.

Zunächst einmal lernten die Kolberger Partner die Gustav-Heinemann-Hauptschule kennen. Die Chemie- und Biologielehrerinnen Bärbel Brockmann und Henriette Olbrich-Wiefel informierten zusammen mit ihren Schülerinnen und Schülern über Maßnahmen zur Energieeinsparung im Schulgebäude. Auf großes Interesse stießen auch der Schulgarten und die Photovoltaikanlage auf dem Schuldach. Schließlich stellten die beiden Lehrerinnen noch Schülerarbeiten zum Thema „Klimawandel“ vor.

Ebenfalls in der Schule verfolgten die Gäste gemeinsam mit allen Schülern eine Multivision des BUND über „Klima & Energie“, die von der AVU und der Stadtsparkasse Schwelm unterstützt wurde. Das faszinierende Medienprojekt informierte über den Klimawandel als Folge der Nutzung fossiler Energieträger.

Beim herzlichen Empfang befragten Vertreter der Fraktionen und die stellvertretenden Bürgermeister/innen die Gäste nach Kolberger Umweltschutz-Maßnahmen und wollten speziell Näheres über das Engagement der Jugend erfahren. Zentrales Thema dieses Vormittags war die mehrere Millionen € teure, im Jahr 2007 abgeschlossene Asbestsanierung der Realschule. Mit Freude trugen sich die Gäste an der Seite von Bürgermeister Jochen Stobbe ins Gästebuch der Stadt Schwelm ein.

Natur der besonderen Art umgab die Gäste beim Besuch der Ennepetaler Kluterthöhle. Und in der Biologischen Station erläuterten Dirk Janzen und Elke Zach-Heuer die vielfältigen Aufgaben der Einrichtung, die viel Kraft investiert, um Kinder und Erwachsene an einen behutsamen Umgang mit der Natur zu gewöhnen.

Beim Raufaser-Weltmarktführer „Erfurt & Sohn“ nahmen Hans Weihs (Personalleiter), Stefanie Marschallik (Personalabteilung) und Papiertechnologe Reiner Kasterke die Gäste mit auf einen beeindruckenden Rundgang durch das Werk. Doch es ging nicht allein um die Produktion von Raufaser. Vielmehr rückte der geschlossene Energiekreislauf des Unternehmens in den Mittelpunkt des internationalen Besuches. Viele, viele Fragen wurden gestellt: Woher kommt das Altpapier und: Ist Altpapier noch leicht zu haben oder wird es schon ein kostbares Gut? Werden Wälder, deren Holz man nutzt, wieder aufgeforstet? Mit großer Freude vernahmen die Gäste, dass „Erfurt“ auch im polnischen Łódź eine Niederlassung unterhält.

Die Kolberger Partner waren begeistert von der aufgeschlossenen und würdevollen Aufnahme und freuten sich insbesondere, von Wilhelm Erfurt, Ehrenbürger der Stadt Schwelm, persönlich begrüßt zu werden. „Unsere Papierfabrik wurde 1827 im Grüngürtel gegründet, weit und breit stand kein Haus. Das ist eine Verpflichtung, den Umweltschutzgedanken ganz hoch anzusetzen“. Das gelte für alle Güter, mit denen man arbeite. So entnehme man der Wupper möglichst wenig Wasser, bereite es immer wieder auf und reinige es in einer eigenen Kläranlage vor. Die benötigte Energie liefere neuerdings ein eigenes Braunkohlekraftwerk. Auch die Luft dürfe nicht belastet werden. „Wir bemühen uns sehr, eine nachhaltig arbeitende und saubere Papierfabrik zu sein“, so der „Senior“.

Eloquent und beschlagen berichtete die stellvertretende Landrätin Sabine Kelm-Schmidt beim Besuch der EN-Verwaltung über die Leistungen von Einrichtungen, die im Ennepe-Ruhr-Kreis die Umwelt schützen. Das fängt bei der Bürger-Solar-Anlage auf dem Dach des Kreishauses an, geht über Photovoltaik-Anlagen in Schulen des Kreises und das Blockheizkraftwerk in der Kreissporthalle Ennepetal bis zum Erdgas-Auto als Dienstwagen. Erwähnt wurden zudem die Holzhackschnitzelheizungen in der Schule Hiddinghausen und im Berufskolleg Ennepetal. Außerdem ist die AVU als regionaler Energieversorger bei vielen Maßnahmen zur Energieeinsparung und zur Reduzierung des CO2-Austoßes mit im Boot.

Sabine Kelm-Schmidt: „Der Missbrauch unserer natürlichen Umwelt macht sich bekanntlich oft erst in Jahrzehnten bemerkbar, deshalb muss die Umweltbildung früh ansetzen“. Gerade von den Schulen seien in den letzten Jahren im Ennepe-Ruhr-Kreis entscheidende Impulse ausgegangen.

Am Gespräch nahm auch Schulrat Wilfried Flader teil, der seine vielfältigen Aufgaben skizzierte und sich sehr freute, mit Romuald Kociuba seinen Amtskollegen aus Kolberg begrüßen zu können. 

Dass man heutzutage nicht mehr auf Chlor in Bädern angewiesen ist, verblüffte die Kolberger Partner, die sich mit großem Fachinteresse die Arbeitsweise der Salzelektrolyse als Desinfektionsmittel für das Wasser des Schwelmer Hallenbades erläutern ließen – bekanntlich ein Erfolgsmodell.

Unmittelbare Tuchfühlung mit der Natur fand am „Tannenbaum“ in Schwelm statt, wo man gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz und der Biologischen Station Bäume pflanzte. Wichtige Unterstützung gab es hier von den Lehrerinnen, Lehrern und Schülern der Gustav-Heinemann-Hauptschule, die bekanntlich mit ihrer Garten- und Umwelt AG schon seit Jahren in Schwelms Natur aktiv sind.

Kein Besuch im Kulturhauptstadtjahr ohne Stippvisite in das Ruhrgebiet. Die Geschichte dieses Ballungsraumes haben Deutsche und Einwanderer aus Polen und anderen Ländern gemeinsam geschrieben. Die „Zeche Zollverein“ wurde gemeinsam „erlebt“ und nicht wenigen Delegationsteilnehmern standen die Tränen in den Augen, als der Film „Ruhrgebiet 360 Grad“ das Entstehen, Blühen und Vergehen der großen Kohle-Zeit nachvollzog, aber auch das zweite Leben des Reviers als Wissenschafts-, Bildungs- und Kulturregion vor Augen führte.

Schwelmer Kultur genossen die Kolberger Partner beim Besuch von Schloss Martfeld und beim geführten Stadtrundgang. Im Chopin-Jahr interessierte natürlich auch das Ibach-Haus, und als die Partner hörten, dass auch Max Reger auf „Ibach“ spielte, war die Freude groß, zumal Kolberg in diesem Jahr ein Max-Reger-Festival ausrichtet. Als Gast der Stadtsparkasse warf man einen interessierten Blick auf Schwelms Geschichte von 1722.

Zweimal hat man sich nun getroffen. Der Reiz der Begegnung zwischen Kolberg und Schwelm besteht darin, dass man vor dem Hintergrund der großen weltweiten Klimaveränderungen regionale und lokale Lösungen erarbeitet, die sehr effektiv sind und die die Partner untereinander umsetzen können. Wie ein Versprechen auf die Zukunft wirkt es da, dass die gewonnenen Erkenntnisse durch die Jüngeren aufgenommen und weiterentwickelt werden. 

Bewegend an dieser Begegnung ist auch das menschliche Miteinander. Das private Gespräch beim gemeinsamen Abendessen, der Austausch über allgemeine Erfahrungen. Als Bürgermeister Jochen Stobbe die Gruppe verabschiedete und jedem Gast einen Schwelm-Sticker ans Revers heftete, fiel man sich noch einmal in die Arme. Schon freuen sich die Schwelmer, die Kolberger Partner im Oktober wieder vor Ort begrüßen zu dürfen, bevor sie selber das „Umweltprogramm über Grenzen“ mit einem letzten Gegenbesuch im März 2011 abrunden und neue Erkenntnisse gewinnen werden. 

Schwelm, im Mai 2010

Ute Schmikowski von der Alzheimer-Demenz-Selbsthilfegruppe aus Hagen und ihr Mann Horst sprachen vor 80 Besuchern über den "Umgang mit Menschen mit Demenz".
Bürgermeister Jochen Stobbe lädt alle Bürgerinnen und Bürger sehr herzlich zur Gedenkfeier für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ein. Die Bürgerinnen und Bürger versammeln sich am Gedenkstein auf dem Hof des Gebäudes Südstraße 7. Foto: Heike Rudolph
Papiertechnologie Rainer Kasterke machte die Gäste mit dem Unternehmen "Erfurt & Sohn" vertraut (hier auf dem Hof der Firma). Alicja Pawlak aus Schwelm übersetzte für die polnischen Partner.
Das Fachgespräch bestimmte auch den Empfang im Schwelmer Rathaus, wo Bürgermeister Jochen Stobbe die Partner des EU-Projektes herzlich willkommen hieß.
Elke Zach-Heuer (l.) informierte die polnischen Freunde über die vielfältigen Aufgaben der Biologischen Station. Hanna Meyer (r.) dolmetscht.
Vom Bürger-Solar-Dach bis zur Holzhackschnitzelheizung: Die stellv. Landrätin Sabine Kelm-Schmidt sprach über die breite Palette von Umweltschutzmaßnahmen des EN-Kreises; Schulrat Wilfried Flader tauschte sich mit den Kolbergern über Schulangelegenheiten aus.
Zusammen mit Michael Treimer von der AGU pflanzten Gäste und Gastgeber "Am Tannenbaum" Bäume.
Auf "Zeche Zollverein" auf den Spuren des Ruhrgebietes.
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