„Hier geht es um Gerechtigkeit!“

Nach Ratsbeschluss unterzeichnet Schwelm nun Urkunde zur „Magna Charta gegen ausbeuterische Kinderarbeit“

Hand aufs Herz: Wer weiß schon, unter welchen Umständen die Waren produziert werden, die wir täglich erwerben, weil sie nützlich sind, weil sie schön sind und, nicht zuletzt, auch oft verführerisch preiswert? So, wie Privatpersonen den Herstellungs- und den Handelsweg der Produkte kaum nachvollziehen können, sind auch Kommunen in der Regel dazu nicht in der Lage. Als vor Jahren bekannt wurde, dass kostbare Teppiche oder z.B. Lederfußbälle auch von Kindern und unter oft entwürdigenden und gesundheitsgefährdenden Umständen gefertigt wurden, begann die Öffentlichkeit, kritischer hinzuschauen. 

Nach Angaben der Vereinten Nationen gibt es weltweit 100 bis 250 Millionen Kinderarbeiter unter 15 Jahren. Sie pflücken Baumwolle und Kaffee, knüpfen Teppiche, fertigen Fußbälle, arbeiten in Steinbrüchen, stellen Schmuck her oder drehen Zigaretten.

In gewisser Hinsicht markiert das Kulturhauptstadtjahr RUHR.2010 einen Wendepunkt in der Sensibilisierung der Menschen für dieses Thema. Denn ihm verdankt sich ein einzigartiges Engagement aller 53 Ruhrgebietsstädte und der vier Kreise: Mit ihrer Zustimmung zur „Magna Charta gegen ausbeuterische Kinderarbeit“ haben sie sich verpflichtet, an das Beschaffungswesen ihrer Verwaltungen einen neuen Maßstab anzulegen.

In Schwelm erfolgte der Ratsbeschluss im vergangenen September. Nun unterzeichnete Bürgermeister Jochen Stobbe im Rathaus die dazugehörige Urkunde. Im Gespräch mit der Presse legten der Bürgermeister, Schwelms Beigeordneter und Kämmerer Ralf Schweinsberg und Natalie Wottschal von der städtischen Beschaffung dar, wie sich der Beschluss bei städtischen Ausschreibungen auswirkt. Christoph Löchle vom Agenda-Büro der Stadt Dortmund, und Vera Dwors, Koordinatorin des Eine-Welt-Netzes, erläuterten, dass der Impuls zu diesem Projekt von der „Fairen Messe“ in Dortmund im Jahr 2008 ausging. Dort formulierten die Teilnehmer ihre Absicht zu gemeinschaftlichem ökosozialem Handeln, das durch das Kulturhauptstadtjahr Aufmerksamkeit und Rückenwind erhalten sollte. 

„Gerade wir Kommunen haben eine Vorbildfunktion“, stellte Jochen Stobbe fest. Zwar könnten fair hergestellte und gehandelte Waren im Schnitt etwas teurer sein, doch das, so der Bürgermeister, dürfe kein Grund sein, sich der Magna Charta zu verweigern, denn: „Hier geht es um Gerechtigkeit!“

Ralf Schweinsberg ist sich sicher, dass die Entscheidung der beteiligten Städte und Kreise ihre Wirkung nicht verfehlen wird. Anbieter würden lernen, sich daran auszurichten, der Markt gerate in Bewegung. R. Schweinsberg: „Es gibt sehr viel Unwissenheit darüber, wie viele Produkte aus ärmeren Ländern kommen. Daher braucht es auf jeden Fall eine nachhaltige Öffentlichkeitsarbeit, um die Menschen für dieses Thema empfänglich zu machen“.

Die Stadt Schwelm, so Natalie Wottschal, lasse sich von ihren Lieferanten schriftlich bestätigen, dass die Waren „sauber“ produziert und fair gehandelt wurden. Dabei geht es u.a. um EDV-Produkte. Aber auch beim Thema Grabsteine ist man – über die TBS – aktiv. Denn, so Christoph Löchle: „Es gibt Kinder, die werden im Steinbruch geboren, schuften dort und sterben auch jung dort“. Vera Dwors wies darauf hin, dass neben Moral und Gerechtigkeit auch Verbraucherschutz ein Aspekt des Themas ist. Es gebe Bürgern zunehmend zu denken, dass extrem billige Waren auch gesundheitlich bedenkliche Stoffe enthalten könnten. Und wie oft gingen billige Produkte sehr schnell kaputt. Da rechne sich fair produzierte und ggfs. teurere Ware schon über die längere Nutzungsdauer.  

Für Christoph Löchle zeichnet sich zudem eine neue Form der Wirtschaftsförderung ab, wenn Betriebe nicht dadurch benachteiligt werden, dass sie nach Moral und Fairness arbeiten und deshalb nicht mit „Schnäppchenproduzenten“ mithalten könnten.

Die von den Ruhrstädten und Kreisen unterzeichneten Urkunden werden übrigens zu einem aussagekräftigen Band zusammengefasst, der im Rahmen einer Ausstellung im Ruhr-Museum auf der Zeche Zollverein in Essen zu sehen sein wird.

Schwelm, den 28. April 2011

 

Unterzeichnung der Urkunde zur "Magna Charta gegen ausbeuterische Kinderarbeit" im Schwelmer Rathaus, v.l.: Christoph Löchle, Jochen Stobbe, Vera Dwors, Ralf Schweinsberg und Natalie Wottschal. Foto: Heike Rudolph
Die Weihnachtsbäume werden in Schwelm in der Woche vom 9. bis zum 12. Januar abgeholt.
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