„Im Märchen ist es wichtig, das Richtige zu tun!“

Prof. Dr. Heinz Rölleke begeisterte mit „Rumpelstilzchen“

Er kam, trug vor und ließ die rund 60 Besucherinnen und Besucher Ort und Zeit vergessen: Professor Dr. Heinz Rölleke, der jetzt im Schloss Martfeld über „200 Jahre Grimms Märchen“ sprach. Rölleke ist, wie Heike Rudolph von der gastgebenden Wilhelm Erfurt-Stiftung ausführte, „erste Adresse in Sachen Grimm“. Auch nach seiner Pensionierung ist der renommierte Germanist und Volkskundler weltweit gefragt. Schön, dass dieser Wissenschaftler von Rang auch einmal in Schwelm Station machte. Hier, im Schloss Martfeld, so Bürgermeister Jochen Stobbe, könne man wahrlich manches märchenhafte Element bieten.

 

Über Märchendefinitionen kann man lange streiten. Für Rölleke ist das Märchen eine alte Geschichte, die mündlich weitergegeben wird. Zudem ist sie kurz genug, um den Inhalt behalten zu können und um die Kinder, denen sie erzählt wird, schnell in den Schlaf zu bekommen.

 

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sind mitnichten über Land gezogen, um Märchen zu sammeln. Sie hatten Zuträgerinnen, die zu ihnen ins Haus kamen. Nur zu gerne dachten die Menschen lange Zeit, Grimms Märchen seien ein urdeutsches Produkt. Prof. Rölleke verbannte diese Überzeugung schon vor langer Zeit „ins Reich der Märchen“. Denn z.B. die drei jungen Schwestern Hassenpflug, die den Grimm-Brüdern Märchen erzählten, stammten mütterlicherseits von hugenottischen Flüchtlingen ab, so dass eine starke französische Märchentradition ihren Einfluss geltend machen konnte.  

 

Es sei Wilhelm Grimm gewesen, der den Geschichten einen eigenen, altertümlichen Ton geben wollte und ihnen dabei eine unverwechselbare Stimme gegeben habe, ein großes Verdienst, so H. Rölleke über den erfolgreichen und anziehenden „Sound“ dieser Märchen.

 

Zur großen Freude der Besucherinnen und Besucher im Schloss Martfeld sprach der Wissenschaftler mit ihnen eines der schönsten Märchen durch, das „Rumpelstilzchen“. Schon der erste scheinbar unscheinbare Satz enthält eine Botschaft: „Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter“. Armer Müller? Prof. Rölleke hakte ein. Müller seien seinerzeit selten arm gewesen. Auch waren sie nicht gut gelitten. Denn man unterstellte ihnen als Besitzer der vor den Stadttoren gelegenen Mühlen allerhand Arges, hielt sie für Hehler, die dem vor der Stadt streunenden Gesindel Unterschlupf gewährten und warf ihnen vor, hie und da etwas vom Korn abzuzwacken.

 

Im Rumpelstilzchen möchte der arme Märchen-Müller beim König mit der schönen Tochter renommieren, indem er behauptet, sie könne Stroh zu Gold spinnen. Für den König ist die Sache klar: Sie soll die Aufgabe lösen, oder sie wird sterben. Mit Rumpelstilzchens Hilfe kann sie die Probe dreimal ablegen, denn „dreimal ist das Äußerste und das Ganze“, so Rölleke, immer drehe sich alles um die Zahl „Drei“. Dreimal auch lässt Rumpelstilzchen die junge Frau, inzwischen Königin und Mutter geworden, seinen Namen raten, überzeugt davon, dass sie ihn nicht kennt und er ihr das ihm versprochene Kind wegnehmen kann.

 

Die Wende tritt ein, als die Königin in ihrer Not einen Boten ausschickt. Es ist ihre erste Handlung überhaupt, ließ sie doch bisher alles mit sich geschehen. Durch diesen eigenständigen Akt der jungen Frau wird Rumpelstilzchens Name bekannt, und der Wicht reißt sich in der Mitte selbst entzwei.

 

Es sei nicht so, dass im Märchen das Gute siege und das Böse bestraft werde, stellte Heinz Rölleke klar. Vielmehr würde der Mensch belohnt, der in der Bedrängnis das „Richtige“ tue, nämlich das, was für ihn und seine Reifung von Belang sei. Er lenkte den Blick auf das Froschkönig-Märchen. Hier zwingt sich die Königstochter, die den Frosch garstig findet, auf Druck ihres Vaters zwar noch, das Tier zu beköstigen. Ihr Bett aber mag sie auf keinen Fall mit ihm teilen und klatscht ihn in einem Akt der Selbstbestimmung an die Wand. Das wunderbare Ergebnis: ein Königssohn!

 

Märchenfiguren, so Rölleke, seien keine Individuen, sondern Typen, in denen die Zuhörer etwas sähen. Und: „Im Märchen gibt es das Böse nicht, nur Gegenspieler“. Der Wolf, der Rotkäppchen und Großmutter verschlinge, tue eben, was ein Wolf für richtig halte.

 

Als Gast des Abends konnte man nur erahnen, wie viele wunderbare Geschichte und wie viel Weisheit, Lebenskunst, Glaube und Volksglaube in Grimms Märchen stecken.

 

Information:

Die Wilhelm-Erfurt-Stiftung für Natur und Kultur, Schwelm unterstützt seit vielen Jahren Projekte aus den Bereichen Kultur und Natur. Im Jahr des Grimm-Jubiläums (200 Jahre Grimms Märchen), das weltweit gefeiert wird, hat sie in Zusammenarbeit mit der Informations- und Pressestelle der Stadt Schwelm den weltweit führenden Grimm-Forscher Prof. Dr. Heinz Rölleke nach Schwelm eingeladen.

 

Schwelm, den 22. Oktober 2013

 

Willkommen zur 6. Veranstaltung der beliebten Reihe „Altes neu entdeckt!“ im Schloss Martfeld. Foto: Arno Kowalewski
Mit lang anhaltendem Applaus bedankten sich die Besucher des Grimm-Abends bei dem bekannten Wissenschaftler. Eingeladen worden war Professor Dr. Heinz Rölleke von der Wilhelm-Erfurt-Stiftung für Kultur und Natur, Schwelm, in Zusammenarbeit mit der Informations- und Pressestelle der Stadt Schwelm. Gern trug sich der Forscher auf Bitte von Bürgermeister Jochen Stobbe ins Goldene Buch der Stadt Schwelm ein. Fotos: Arno Kowalewski
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