„Mir hat das Rathaus sehr viel bedeutet!“

Jürgen Kuss nach 51 Berufsjahren in Ruhestand verabschiedet

 

 

Herzlich verabschiedete jetzt Schwelms Beigeordneter und Kämmerer Ralf Schweinsberg den Städtischen Oberverwaltungsrat Jürgen Kuss in den Ruhestand. Kuss war 51 Jahre lang berufstätig, davon 47 Jahre bei der Stadt Schwelm. Der gebürtige Sauerländer Schweinsberg fand sehr persönliche und würdevolle Worte zum Abschied. Er schenkte Jürgen Kuss, der seit seiner Bundeswehrzeit in Oedingen das Sauerland sehr schätzt, einen Bildband über die Landesgartenschau Hemer und Eintrittskarten für den Sauerlandpark Hemer. Liebevolle Worte fanden auch die Kollegen vom Personalbereich und vom Personalrat, die Kuss u.a. mit einem Wanderführer erfreuten.

 

Im Rahmen der kleinen Feierstunde erzählte Jürgen Kuss, dass das Grauen des Krieges noch offensichtlich war, als er als junger Mann zur Stadtverwaltung kam, wo auch Kollegen arbeiteten, die körperlich versehrt oder seelisch traumatisiert waren. Er erinnerte an Arbeitszeiten bis 18 Uhr, das Freischlagen vereister Rathauswege mit der Spitzhacke durch die Bediensteten und an die frühere Rathaus-Fußballmannschaft. Man habe hart gearbeitet, aber auch Wert auf Zusammenhalt, Gemeinschaft und Soziales gelegt. Jürgen Kuss: „Mir hat das Rathaus sehr viel bedeutet!“

 

Seinen Kolleginnen und Kollegen, die er zuvor aus Anlass seines 65. Geburtstages eingeladen hatte, hatte er mit auf den Weg gegeben: „Seien Sie stolz, bei dieser Verwaltung zu arbeiten. Sie leisten wichtige Arbeit für die Allgemeinheit!“

 

Zur Welt kam Jürgen Kuss am 3. Juni 1947 auf dem Lindenberg. Nach dem Besuch der Volksschule Kaiserstraße ließ er sich in dem Schwelmer Unternehmen „Horst Grötsch“ zum Industriekaufmann ausbilden und wechselte danach zur Stadt.

Als Verwaltungsangestellter holte er die Mittlere Reife nach, absolvierte den Inspektorenlehrgang, legte nach dreijährigem Studium das wichtige Kommunaldiplom ab und sattelte noch ein Betriebswirtschaftsstudium drauf.

 

In der Stadtverwaltung war er in Haupt- und Personalamt, Liegenschaftsamt, Kämmerei und Steueramt tätig. 1983 wurde er stellvertretender Leiter von Kultur- und Standesamt, 1986 Leiter dieses Amtes. J. Kuss betonte die Bedeutung von Schloss Martfeld für das Schwelmer Kulturleben und erfand das Neujahrskonzert, heute eine Schwelmer Institution. Intensive Zusammenarbeit mit dem Martfeld-Quartett, der städtischen Musikschule und Nachwuchskünstlern führte zu herausragenden Konzerten. Gemeinsam mit Martin Schwamborn entwickelte er in der Brauereigasse erfolgreich wieder einen Weihnachtsmarkt.

 

Gern arbeitete er mit bekannten Künstlern wie Rauhaus, Dost, Schneider, Bühne, Wolff und Basiner und auch mit damals noch unbekannten bildenden Künstlern wie Anneliese und Arno Windgassen zusammen. Jürgen Kuss modernisierte den Heimatbrief (heute „Journal für Schwelm“), gestaltete mit zahlreichen Aktiven lebendige, frische Heimatfestabende im Atrium des Märkischen Gymnasiums und regte zum Stadtjubiläum die kleine Stadtgeschichte „Schwelm“ an.

 

 

Drohungen erhielt er 1988, als er – 50 Jahre nach der sogenannten „Reichskristallnacht“ – eine mehrtägige Kulturreihe über das Schicksal der Schwelmer Juden während des Nationalsozialismus durchführte. Dazu gehörten Vorträge, Konzerte und hochkarätige Diskussionen. Schwelms damaliger Museumsleiter Gerd Helbeck veröffentlichte im Rahmen dieser Reihe sein Buch „Juden in Schwelm“.

 

Gemeinsam mit Friedhelm Bühne und Jürgen Feldmann (Kulturausschussmitglieder) besuchte der Verwaltungsfachmann in Straßburg Kurt Seibert, einen Schwelmer, der als Jugendlicher mit seiner Familie das schreckliche Schicksal der Judenverfolgung erlitten und als einziger aus seiner Familie überlebt hatte. Die Stadt lud Kurt Seibert und seine Frau Bella nach Schwelm ein, Kuss ließ von dem Schwelmer Filmemacher Friedhelm Bühne einen Film über das Ehepaar drehen.

 

Auf Jürgen Kuss, der auch Standesbeamter ist, gehen die Trauungen im Haus Martfeld zurück, er hat diesen Ort seinerzeit als ideal für Trauungen vorgeschlagen.

 

1994 wurde der Verwaltungsfachmann Leiter des Fachbereich Finanzen mit Kämmerei, Steueramt und Stadtkasse, Beteiligungsmanagement und betriebswirtschaftlicher Abteilung.

 

Im Rahmen seiner Amtszeit erfolgte 2008 die Umstellung der Kameralistik auf  „Neues Kommunales Finanzmanagement (NKF)“ - für den Betriebswirt Jürgen Kuss eine Herausforderung mit Reiz. Bei anhaltend schwieriger Haushaltslage befasste er sich mit seinem Team, das er hoch schätzte, mit zahlreichen Haushaltssicherungsmaßen, die in Haushaltsicherungskonzepte einflossen. Es hat ihn sehr gefreut, dass die Genehmigung des Haushalts 2012 mit Sanierungsplan erteilt worden ist. Kuss, der zwischenzeitlich zusätzlich für Wirtschaftsförderung zuständig war und zu dessen Aufgaben auch die Erhebung der Gewerbesteuer zählte, pflegte beständige Kontakt zur heimischen Wirtschaft.

 

Der Pensionär, seit  43 Jahren verheiratet und Vater eines Sohnes, liebt Musik, Geschichte und Natur. In seine Zeit als Vorsitzender der Dachorganisation der Schwelmer Nachbarschaften (1998 bis Februar 2009) fielen u.a.: die Einführung des Ehrenhalstuchs – das Buch „Die Schwelmer Nachbarschaften“ – die Ausstellung „70 Jahre Schwelmer Nachbarschaften“ – die  Teilnahme der Schwelmer Nachbarschaften und der DACHO am NRW-Tag Wuppertal im Jahr 2008 – die Entwicklung des “Historischen Stadtrundgangs“ und des „Stadtrundgangs von Kindern für Kinder“.

 

Schwelm, den 30. Juli 2012

 

Heiter und würdevoll wurde Jürgen Kuss in den Ruhstand verabschiedet, v.l.: Andreas Tolksdorf, Leiter des Fachbereichs Zentraler Service, Wolfhard Lache, Fachbereich Finanzen, Bernd Decker vom Personalrat, Ralf Schweinsberg, Beigeordneter und Kämmerer, Petra Heringhaus, stellv. Leiterin des Fachbereichs Zentraler Service, und Ursula Müller, Fachbereich Finanzen. Foto: Heike Rudolph
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