Frau Martha Kronenberg 98 Jahre alt

Stadt würdigt mutige Bürgerin in neuer Porträtreihe im Rathaus

Am Samstag, dem 14. Februar, feierte Frau Martha Kronenberg ihren 98. Geburtstag. Die gebürtige Schwelmerin hat während der Zeit des Nationalsozialismus jüdischen Bürgern aus unserer Stadt geholfen. Sie hat sie mit Brot und Kohlen unterstützt, ihnen Mut und Hoffnung zugesprochen und ihnen – solange dies noch möglich war – Päckchen in Arbeits- und Konzentrationslager geschickt. Zudem half sie ukrainischen Zwangsarbeiterinnen in Schwelm – Tapferkeit vor dem Freund.

Die Stadt Schwelm wird in Kürze ein Foto von Frau Kronenberg mit einer kleinen Erläuterungstafel im Rathaus aufhängen, um die Lebensleistung dieser mutigen Frau zu würdigen. Die Idee zu dieser Auszeichnung hatte Frau Saraswati Albano-Müller. Bürgermeister Dr. Jürgen Steinrücke und Schwelms Ehrenbürger Wilhelm Erfurt und dessen Stiftung tragen diese Anregung ausdrücklich mit. Frau Kronenbergs Foto soll im Rathaus eine kleine Galerie mit Bildern von Schwelmer Bürgern begründen, die viel für ihre Mitmenschen geleistet haben.

Frau Heike Rudolph, Pressesprecherin der Stadtverwaltung, hat ein Porträtfoto von Frau Kronenberg aufgenommen, das der couragierten Bürgerin in Zweitausfertigung an ihrem Geburtstag überreicht wurde.

„Von einer Kraft, die auch für andere reicht“

Zeitzeugin Martha Kronenberg

Reportage von Frau Gisela Gutknecht (Journal für Schwelm 2005).

In diesem Jahr (2005) wurde in allen Medien des 60. Jahrestages des Kriegsendes gedacht. Mehr als bei früheren Gedenktagen wurden Zeitzeugen befragt, weil man weiß, dass immer weniger Menschen aus eigener Anschauung von den Schrecken des Krieges und der Nachkriegszeit berichten können. Man will ihre Erinnerungen festhalten für die geschichtliche Aufarbeitung der Zeit von 1933 bis 1948.

Im Rahmen des Frauencafés fand auch in Schwelm in der neuen Stadtbücherei ein Abend statt, bei dem Frauen als Zeitzeuginnen von ihren eigenen Erlebnissen mit Krieg und Kriegsfolgen erzählten.

Eine ganz wichtige Zeitzeugin aus Schwelm ist Frau Martha Kronenberg. Auch sie war als Teilnehmerin zu diesem Frauencafé gebeten worden, konnte aber aus gesundheitlichen Gründen nicht anwesend sein.

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Wenn man Frau Kronenberg besucht und sich mit ihr unterhält, ist man überrascht:  Sie spricht lebhaft, mit kräftiger Stimme und hält das Gespräch mühelos in Gang. Sie zeigt Humor, interessiert sich für viele Themen und besitzt eine gute Menschenkenntnis.

Sie erzählt von ihrer Familie: dem Vater, der als Bäckergeselle nach Schwelm kam, eine Frau heiratete, die er erst gegen den Widerstand der Schwiegermutter erobern musste, und dem es durch unermüdlichen Fleiß gelang, im eigenen Haus eine Bäckerei zu gründen mit Ladenbetrieb und Filialen im Stadtgebiet und in den Nachbarstädten; sie erzählt von der Mutter, die ihren Mann bei seiner Arbeit unterstützte und neun Kinder zur Welt brachte, von denen Martha das zweitjüngste war.

Sie hat wohl viel von der zähen, beharrlichen Art ihres Vaters geerbt, der unbeirrbar an dem festhielt, was er für richtig erkannt hatte. Er blieb trotz vieler Überredungsversuche holländischer Staatsbürger, er war ein überzeugter Katholik, der seinen Glauben auch in die Tat umsetzte, und er erkannte mit sicherem Blick die menschenverachtende Ideologie der Nazis trotz deren anfänglicher Erfolge. Er weigerte sich, Parteigenosse zu werden und galt als Judenfreund. Das alles brachte ihn und seine Familie auf die sogenannte „Schwarze Liste“ der Gestapo, auf der die Menschen standen, die im Falle einer Gefahr sofort liquidiert werden sollten.

Seine Haltung färbte natürlich auf seine Familie ab. Vor allem Martha Kronenberg war es, die durch ihre Tätigkeit in einer der Filialen ihres Vaters auf die bedrohliche Lage der jüdischen Mitbürger, die ihre Kunden waren, aufmerksam wurde. Sie wollte nicht wegsehen, sondern tat im Gegenteil alles, was in ihren Kräften stand, um den Gefährdeten zu helfen. Sie redete mit ihnen, besuchte und tröstete sie, brachte ihnen im Schutz der Dunkelheit zu essen und einmal sogar eine Karre voll Kohlen.

Wertsachen, die den jüdischen Familien gehörten, vergrub Martha Kronenberg im elterlichen Garten oder versteckte sie in einem geheimen Kellerraum, der zum Glück für alle Beteiligten bei einer Hausdurchsuchung durch die Gestapo nicht entdeckt wurde.

Als mehrere jüdische Frauen aus Schwelm in ein sogenanntes „Judenhaus“ nach Barmen umziehen mussten, dehnte Martha Kronenberg ihre heimlichen Besuche dorthin aus. Sie nähte sich selbst einen Judenstern an, um das Haus unauffällig betreten zu können.

Vor dem Abtransport nach Theresienstadt half sie den vor Angst wie gelähmten Frauen, deren  Gepäck ordnungsgemäß herzurichten. Es gelang ihr, bis zu drei Pakete mit Lebensmitteln wöchentlich nach Theresienstadt zu schicken – mit gefälschter Absenderangabe. Erst die Verlegung nach Auschwitz machte jede weitere Hilfe unmöglich.

Nur eine der von Martha Kronenberg betreuten Frauen – Erna Cohn-Marcus – überlebte Auschwitz. Durch die Vermittlung ihres Vetters, der als amerikanischer Nachrichtenoffizier in der Armee tätig war, konnte sie das Auffanglager verlassen und sich drei Monate lang bei der Familie Kronenberg in Schwelm erholen. Martha Kronenberg händigte ihr die Gegenstände aus dem Familienbesitz, die sie vorher versteckt hatte, wieder aus und gab ihr auch die Geschenke zurück, die sie selbst während des Krieges als Dank von der Familie Marcus erhalten hatte.

Erna Cohn-Marcus wanderte dann nach Amerika aus, heiratete dort ein zweites Mal und hieß dann Erna Speyer-Marcus.

Inzwischen ist Martha Kronenberg mehrmals zu Besuch bei den Familien Marcus und Speyer in Amerika gewesen. In der dortigen Zeitung – dem Richmond New Leader – hat man über sie und ihr mutiges Verhalten in der Kriegszeit einen Bericht veröffentlicht. Mehrmals sind auch die jüdischen Bekannten in Schwelm gewesen, haben ihre alte Heimat besucht und waren natürlich bei Kronenbergs eingeladen.

In Israel hat man zum Gedenken an Martha Kronenberg zwei Bäume gepflanzt als Anerkennung für das, was sie ihren jüdischen Mitbürgern an Hilfe gewährt hat. Auch soll ihr Name in einem Buch verzeichnet sein, in dem der Menschen gedacht wird, die Juden geholfen haben. An diesen Eintrag will Martha Kronenberg aber nur glauben, wenn sie ihn selbst gesehen hat.

In den vergangenen Jahren hatte die Stadt Schwelm immer wieder ehemalige sogenannte „Fremdarbeiterinnen“ aus der Ukraine eingeladen, die während des Krieges in Schwelmer Firmen arbeiten mussten. Zwei der Damen – Natalja Ochtisowna und Maria Stjoshka - waren 2003 auch bei Martha Kronenberg zu Gast, hatten Kronenbergs doch den damals jungen Mädchen ermöglicht, nach der Fabrikarbeit in ihrer Küche zu helfen, um auf diese Weise mehr Nahrungsmittel zu erhalten. In einem ukrainisch geschriebenen Brief bedankt sich eine der Frauen für die menschliche Behandlung in der Bäckerei Kronenberg.

Text: Gisela Gutknecht

 

 

Bürgermeister Dr. Jürgen Steinrücke, Pressesprecherin Heike Rudolph, Saraswati Albano Müller und Cornelia Eggert (Erfurt-Stiftung) gratulierten Frau Martha Kronenberg zum 98. Geburtstag.
"Die Jugendlichen sollen ermutigt werden, bei der Berufswahl Neues zu erkunden", so Schwelms Gleichstellungsbeauftragte Manuela Schwarzkopf. Foto: Heike Rudolph
Bürgermeister Dr. Jürgen Steinrücke kennt und schätzt Frau Kronenberg seit vielen Jahren.
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