"Terroranschlag auf das Leben von Medienschaffenden ist ein Anschlag auf die tragenden Pfeiler nicht nur der französischen, sondern auch unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung"

Türkisch-islamische Gemeinde Schwelm setzt Zeichen gegen Gewalt

 „Wir dürfen solchen Angriffen auf unsere Werte nicht nur mit Worten begegnen. Wir müssen als Religionsgemeinschaft deutlich machen, dass wir uns mit unserem Glauben und unseren Gemeinden für die Freiheiten und das Leben eines Jeden einsetzen. Denn der freie Wille und die Freiheit danach zu handeln, ist ein Geschenk Allahs an die Menschheit“. Diese Sätze stehen in einer Erklärung der DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V.), mit der sich Schwelms türkisch-islamische Gemeinde unmissverständlich von den Gewalttaten von Paris distanziert.

Verlesen wurde sie in den Räumen der Schwelmer Tageszeitung, wo sich Mehmet Konduoglu, Nuri Osman Yilmaz und Levent Cihangir im Anschluss noch ausführlich mit Landrat, Bürgermeister und Vertretern von Kirche, Parteien und Polizei unterhielten.

Levent Cihangir, Imam der Schwelmer Gemeinde, eröffnete das Treffen mit einer Sure aus dem Koran, und Osman Nuri Yilmaz (Öffentlichkeitsarbeit) verlas den Text der Erklärung.

Wie Nuri Yilmaz und Mehmet Konduoglu (Vorstand der Gemeinde), betonten, sind „Terroristen Terrorristen, sie können keine gläubigen Menschen sein. Jede Religion will doch nur Gutes“. Im Islam gelte: „Wer einen Menschen tötet, der tötet die ganze Welt“.

EN-Landrat Dr. Arnim Brux begrüßte die Erklärung. „Ich bedaure ausdrücklich, wenn unsere muslimischen Mitbürger unter Generalverdacht gestellt werden“. Die Verbrecher von Paris hätten die Religion missbraucht. Dr. Brux: „Die Muslime wollen Frieden haben und ein demokratisches Zusammenleben leben“.

Pfarrer Uwe Rahn von der Evangelischen Kirchengemeinde betonte, Gemeindemitglieder hätten den Wunsch nach mehr Kontakt zu muslimischen Mitbürgern geäußert. Man würde gerne auch mit Konfirmandengruppen die Moschee der Türkisch-islamischen Gemeinde in Schwelm besuchen. Sich ein Bild machen und die Gemeinde näher kennen, möchte auch Propst Norbert Dudek von der Katholischen Propsteigemeinde St. Marien. Dass man heute in dieser Runde zusammensitze, sei ein gutes Zeichen.

An den Friedensgebeten im vergangenen Jahr hätten auch muslimische Bürger teilgenommen, unterstrich Uwe Rahn. Diese Gemeinsamkeit müsse man stärken, hob Bürgermeister Jochen Stobbe hervor. Der Flashmob im Mai 2014 für die Vielfalt unter den Menschen hätte unter Beteiligung von Männer, Frauen und Kindern aus allen Nationen stattgefunden. Dass die sogenannte Pegida-Bewegung gerade in Dresden, wo die geringste Zahl der Muslime lebe, viele Anhänger zähle, zeige, wie notwendig gerade Kennenlernen und Austausch unter den Menschen seien. Ausdrücklich dankte Jochen Stobbe den Initiatoren  der Erklärung auch in Schwelm. „Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft. Es gibt sicher Unterschiede, aber damit müssen wir umzugehen lernen. Wir sollten Dinge, die wir schon gemeinsam unternommen haben, verstärken.“

In der Gesprächsrunde hob SPD-Ortsvereinsvorsitzender Frank Grunewald hervor, dass die Religionen viele Gemeinsamkeiten besäßen und dass ihnen allen nicht zuletzt der Gedanken der Barmherzigkeit innewohne. Wie alle Teilnehmer begrüßte auch CDU-Fraktionschef Oliver Flüshöh die gemeinsame Runde. Gewalt sei nie ein Mittel zur Problemlösung. Es sei wichtig, den Menschen zu erklären, was der Islam sei. Brigitta Gießwein (Ratsmitglied von Bündnis 90/Die Grünen) wünscht sich hier explizit die Aufklärung der Jugend im türkisch-islamischen Verein.

Für die Kreispolizeibehörde erklärte Sven Flügge, dass 95 Prozent der Opfer von Extremisten Muslime seien. Seit langem existiere der Arbeitskreis „Polizei und Muslime“, für den man bereits ausgezeichnet worden sei.

Flügge wie auch Landrat Dr. Brux bezeichneten die Lage in punkto Extremismus im Ennepe-Ruhr-Kreis im Vergleich zu anderen Städten als entspannt, was nicht heiße, dass man sich zurücklehnen dürfe. Sven Flügge: „Ein Grundrauschen gibt es bei solchen Themen immer“.  

Auf die Frage von Redaktionsleiter Stefan Scherer, ob es Versuche von Personen gegeben habe, Schwelms türkisch-islamischen Verein zu radikalisieren, stellte Mehmet Konduoglu klar, dass solche gefährlichen Menschen keinen Einlass finden würden. Der Imam sagte, man sei sehr aufmerksam in den Gemeinden, wo man Regeln habe, wie auf suspekte Personen zu reagieren sei. Die Gemeindemitglieder seien ausführlich über die Gefahr von „Hirnwäschen“ durch radikale Menschen informiert worden.

Die Erklärung der DITIB im Originalwortlaut:

Bismillahirrahmanirrahim.

Mit dem Namen Allahs, des Barmherzigen, des Gnädigen.

So beginnt jedes unserer Gebete. So wird heute auch unser Freitagsgebet beginnen. Wir richten diese Gebete an Allah, auf dass er uns – wie es im Freitagsgebet und in jedem Gottesdienst wiederholt wird - auf den geraden, auf den rechten Weg führe. Auf den Weg derer, denen er Gnade erwiesen hat. Nicht den Weg derer, die dem Zorn anheimfallen und die irregehen.

Es quält unser Herz und unser Gewissen, wenn Menschen den Namen unseres Schöpfers missbrauchend morden, während wir Vergebung, Rechtleitung und die Gnade Allahs erbitten.

Während wir Allah anrufen, mit seinen Attributen: El Halık, den Leben erschaffenden, El Mü‘min, den Wahrer der Sicherheit, El Muhaymin, den Beschützenden, El Halim, den Mitfühlenden, El Berr, den Guten, El Sabur, den Geduldigen, El Rauf, den Fürsorglichen und schließlich El Selam, den Friedensstiftenden.

Unserem Glaubensbekenntnis nach, hat niemand das Recht, an Stelle Allahs zu handeln, geschweige denn über das Leben anderer zu richten. Allah gebietet uns in der Sure Maide, im Guten zu wetteifern und nicht darüber zu streiten, worüber wir uneins sind.

Wir Muslime glauben und leben nach diesen Überzeugungen. Wir müssen jedoch miterleben, dass es Menschen gibt, die die Offenbarung Allahs und das Wesen des Islam als Religion des Friedens nicht erkennen. Deshalb reicht es nicht aus, Verbrechen aufs Schärfste zu verurteilen. Unsere Verantwortung als Religionsgemeinschaft ist ernster und geht wesentlich weiter, als die wohlklingenden aber letztlich sehr allgemeinen Aufforderungen zu mehr Weltoffenheit und Toleranz.

Wir dürfen solchen Angriffen auf unsere Werte nicht nur mit Worten begegnen.

Wir müssen als Religionsgemeinschaft deutlich machen, dass wir uns mit unserem Glauben und unseren Gemeinden für die Freiheiten und das Leben eines Jeden einsetzen. Denn der freie Wille und die Freiheit danach zu handeln, ist ein Geschenk Allahs an die Menschheit.

Uns als Muslimen ist es deshalb wichtig, in gegenseitiger Achtung der Würde des jeweils Anderen diese Freiheit eines jeden Menschen zu schützen.

Wir sind der Überzeugung, dass der Terroranschlag auf das Leben von Medienschaffenden ein Anschlag auf die tragenden Pfeiler nicht nur der französischen sondern auch unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung ist.

Auch für uns Muslime sind Meinungsfreiheit und Pressefreiheit Fundamente unserer bürgerlichen Grundrechte, ebenso wie die Religionsfreiheit. Jeder muss glauben, sagen und veröffentlichen dürfen, was er denkt, ohne um sein Leben fürchten zu müssen.

Wir mögen Meinungsverschiedenheiten haben. Wir mögen debattieren, gar uns streiten. Wir mögen die Berichterstattung über den Islam in Deutschland kritisieren oder als diffamierend verurteilen, ja sogar uns darüber gerichtlich auseinandersetzen. Rechtswidrigen Äußerungen kann aber nur mit den dafür angemessenen Mitteln des Rechts begegnet werden. Niemals jedoch darf die körperliche Unversehrtheit oder das Leben eines Menschen wegen seines Glaubens oder wegen seiner Meinung angetastet werden!

Der Schutz des Lebens ist ein unveräußerliches Recht des Menschen im Islam.

Wir setzen uns dafür ein, dass diese Vielfalt im Glauben und die Freiheit und das Leben eines Jeden unangetastet bleiben.

Wir erleben mit großer Erleichterung wie in den letzten Wochen zehntausende Menschen für uns, mit uns, für die Einheit unserer Gesellschaft in Vielfalt und Gleichberechtigung demonstrieren. Sie setzen damit in Zeiten, in denen Hassprediger und Provokateure uns zu spalten versuchen, ein deutliches Zeichen. Dies gibt unseren Gemeinden Hoffnung, in einer Zeit, in der sich Angriffe auf Muslime bis hin zu Brandanschlägen auf Moscheen noch einmal dramatisch gesteigert haben.

Wir stehen hier aber nicht als Gruppe die demonstriert, nur weil sie Angst um ihr eigenes Wohl hat. Wir stehen hier vielmehr für unsere religiösen Tugenden und unsere gemeinsamen gesellschaftlichen Werte ein. Es geht uns nicht darum, dass wir uns nur gegenseitig ertragen. Es geht uns darum, deutlich zu machen, dass wir uns gegenseitig achten und respektieren: Denn wir gehören zusammen!

Schwelm, den 16. Januar 2015

 

 

 

Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schwelmer Veranstaltung begrüßten die Erklärung des türklischen Dachverbandes, in der es heißt: "Wir müssen als Religionsgemeinschaft deutlich machen, dass wir uns mit unserem Glauben und unseren Gemeinden für die Freiheiten und das Leben eines Jeden einsetzen. Denn der freie Wille und die Freiheit danach zu handeln, ist ein Geschenk Allahs an die Menschheit." Foto: Stadtverwaltung Schwelm / Heike Rudolph
Samstag ist der letzte Tag der Laubannahme bei den Technischen Betrieben Schwelm. Foto: Stadtverwaltung Schwelm / Arno Kowalewski
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