Volkstrauertag stand im Schatten der Attentate von Paris

Zentrale Ansprache der Bürgermeisterin am Gräberfeld der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter auf dem Friedhof an der Oehde

Die Gedenkstunde zum Volkstrauertag stand in diesem Jahr auch im Zeichen der Attentate des IS in Paris. Schwelms Bürgermeisterin Gabriele Grollmann richtete vor ihrer zentralen Ansprache in Deutsch und Französisch Worte des Mitgefühls und der  tief empfundenen Freundschaft für das französische Volk an alle Anwesenden, darunter eine Delegation aus Schwelms Städtepartnerstadt Fourqueux, die von Bürgermeister Daniel Level angeführt wurde:

„Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Freunde aus Fourqueux,

als wir uns zum gemeinsamen Gedenken am Volkstrauertag verabredet haben, da konnten wir nicht ahnen, dass diese Begegnung am heutigen 15. November auf schreckliche Weise durch Gewalt bestimmt sein würde.

An diesem Tag, der den Opfern von Krieg und Gewalt weltweit und über alle Zeiten hinweg gewidmet ist, da zeigt die Gewalt ihre ganze Unbarmherzigkeit.

Als würden uns ihre Folgen hier an den Gräbern der Kriegstoten nicht seit Jahren und Jahrzehnten erschrecken, stehen wir heute wieder ganz aktuell vor Kriegstoten. Es sind die fast 130 Männer und Frauen, die am Freitag in Paris feige von der Islamischen Miliz ermordet wurden.

Ja, Frankreichs Präsident Francois Hollande hat recht, wenn er sagt: Es ist ein Krieg – ein Krieg gegen jede Zivilisation. Wir finden kaum Worte für die entsetzlichen Attentate auf wehrlose Menschen. Wir trauern mit den Angehörigen der Opfer und mit den vielen, vielen z.T. schwer verletzten Menschen.

Unser tief empfundenes Mitgefühl gilt dem französischen Volk. Wir danken unseren Städtepartnern  – meinem Amtsbruder Daniel Level und seiner Delegation -, dass sie trotz des unfassbaren Grauens vor den Toren ihrer Stadt Fourqueux über hunderte Kilometer zu uns gereist sind. Sie zeigen damit, dass ihre Trauer, die auch unsere Trauer ist, Grenzen überwindet.

Der Volkstrauertag hat uns in den letzten Jahren immer mehr zusammengeschweißt. Und noch enger als je zuvor sehen wir nun Seite an Seite.

Wir lassen uns durch keine Form der Gewalt auseinanderbringen. Die Zukunft gehört dem Frieden, niemals der Gewalt.“

Die zentrale Gedenkstunde zum Volkstrauertag fand in diesem Jahr am „Ehrenfeld der ausländischen Kriegstoten“ statt, das viele Bürgerinnen und Bürger als Gräberfeld für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter kennen. In den 60er Jahren wurden hier Verstorbene aus mehreren Grabstätten des städtischen und des evangelischen Friedhofes zusammengeführt.

Die Worte der Schwelmer Bürgermeisterin gingen den sehr zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu Herzen:

„Wir stehen hier in Achtung vor 103 Menschen, die für ihr Leben voller Hoffnung waren, wie Sie und ich. 103 Menschen, die als wertlos galten und doch so viel wert waren wie jeder andere auch. Auf diesem Gräberfeld wurden 103 ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bestattet. Frauen und Männer aus Russland, Polen, Jugoslawien, Belgien und Holland. In Schwelm gestorben sind auch Zwangsarbeiter aus Frankreich und Italien.

Unter den hier Bestatteten sind auch zwei Kinder, eines nicht einmal ein Jahr, ein anderes gerade zehn Jahre alt. Die meisten dieser Toten waren noch sehr junge Menschen, oft 18, oder 22 Jahre oder 25 Jahre jung“.

„Im Krieg“, so die Bürgermeisterin, „hießen sie  beschönigend ,Ostarbeiter‘, ,Zivilarbeiter‘ oder ;Kriegsgefangene‘. Auch in Schwelm wurden ungezählte Männer und Frauen durch erzwungene Arbeit ausgebeutet. Im Fortschreiten des Krieges wurden immer mehr Menschen aus überfallenen Gebieten in das sogenannte Deutsche Reich verschleppt, um die dortige Kriegsindustrie aufrecht zu erhalten.“  

Gerade im Osten erfolgte ein grausamer Zugriff auf zumeist junge Menschen, die vor den Augen ihrer verzweifelten Eltern nach Deutschland verschleppt wurden. Ehemalige Zwangsarbeiterinnen, die der frühere Schwelmer Bürgermeister  Dr. Jürgen Steinrücke nach Schwelm eingeladen hatte, haben ihr Schicksal seinerzeit auf beeindruckende Weise geschildert.

Die Bürgermeisterin sprach von der nackten Angst der Opfer, die in den Städten auf Unternehmen, Haushalte, Gasthöfe und die Landwirtschaft verteilt wurden. Es gab ganze Industriezweige, die Kontingente an Menschen-„Material“ bestellten, so, wie man en gros im Katalog Waren ordert.

Keiner könne sagen, so Gabriele Grollmann, es habe diese erbarmungswürdigen Menschen nicht gegeben oder es hätte sich um Einzelschicksale gehandelt. Mit deutscher Gründlichkeit seien sie registriert worden. Auch die Stadt Schwelm verfüge noch über zahlreiche Meldedateien von Frauen und Männern aus der Ukraine, aus Polen, aus Russland und aus anderen Ländern.

Es habe Arbeitgeber gegeben, die Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen menschlich behandelten und an ihre Familien banden – auch in Schwelm. Zumeist aber galt ein Zwangsarbeiter nicht als vollwertiger Mensch. Er war Materie, die verbraucht werden konnte, die nichts kosten durfte und die bis zur Auflösung verwertet werden sollte. Viele haben elendiglich gehungert und gefroren. Viele waren so entkräftet, dass sie zur leichten Beute von Krankheit und Erschöpfung wurden. Viele wurden den gefährlichsten, unhygienischsten und schmutzigsten Arbeiten zugeteilt.

Die Teilnehmer/innen der Gedenkstunde waren erschüttert, als das Stadtoberhaupt aufführte, woran die an der Oehde bestatteten Menschen verstorben waren: an den vielen Arten von Typhus, an Nierenversagen, Herzschäden, Vergiftung, Sepsis, Hirnhautentzündung, Verbrennungen und  Zertrümmerung von Gliedmaßen. Zwei dieser unglücklichen Menschen haben sich in Schwelm das Leben genommen, viele starben beim großen Bombardement von Schwelm am 3. März 1945, andere waren auf einem Firmengrundstück verscharrt gewesen.

Frau Grollmann weiter: „Ich stelle mir den Hunger und die Kälte vor, die diesen armen Menschen zugesetzt haben. Die immer spürbare Verachtung, ein Nichts zu sein. Die Angst, Verbote zu übertreten und bestraft zu werden. Die Todesangst, die ein ständiger Begleiter war, z.B. wenn Bomben auf ein Werk fielen und die deutschen Arbeiter in die Luftschutzkeller flüchteten, während den Zwangsarbeitern kein Unterschlupf gewährt wurde – z.T. auch in  Schwelm. Oder die Angst, von Deutschen zum Bombenräumen getrieben zu werden – ein Todeskommando.

Und dann diese grenzenlose Verlassenheit. Die quälenden Fragen: Leben meine Eltern noch? Wissen meine Eltern, dass ich noch lebe? Sorgt sich auch nur ein einziger Mensch auf dieser Welt um mich?

Und schließlich der nahe Tod: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, hat keiner der hier liegenden Menschen die Lebensmitte überschritten. Wie unfassbar war die Erkenntnis für diese Opfer, dass ihr Leben jetzt, wo es eigentlich anfangen solle, so grausam zu Ende gehen würde. Das letzte was bleiben würde, wäre ein Grab in der Fremde.“

Der Wert des Volkstrauertages bestehe darin, dass wir an diesem Tage privat und überzeitlich zugleich trauern könnten. Zugleich müsse aber auch gehandelt werden, sonst wären alle Worte nur Phrasen.

Als vor wenigen Wochen Rechtsextremisten in Schwelm aufmarschierten, da habe Schwelm gezeigt, wofür es stehe: Für Solidarität mit den Angegriffenen. Das große Friedensfest auf dem Gelände der türkisch-islamischen Gemeinde habe unmissverständlich gezeigt: „Wir Befürworter menschlicher Werte lassen uns nicht auseinanderbringen!“

Gabriele Grollmann: „Ich bin froh als Bürgermeisterin von Schwelm heute an die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter erinnern zu dürfen. Wir können ihnen ihr Leben nicht wiedergeben. Aber indem wir sie nicht vergessen, bleiben sie unter uns. Sie treten in den Kreis der Menschen ein, die hier einmal gelebt haben und damit Teil unseres kollektiven Gedächtnisses und unserer Stadtgeschichte sind. Sie gehören zu uns!“

Sie bat die Anwesenden, bei ihren Besuchen des Oehder Friedhofes an diesem Gräberfeld zu verweilen und vielleicht auch einmal eine Blume auf einen der Steine zu legen. Die Bürgermeisterin: „Erzählen Sie den anderen, vielleicht den Jüngeren, was geschah und wer hier bestattet wurde. Es wäre ein Friedensdienst“.

Schwelm, den 16. November 2015

Die Mitglieder des Kunstkreises malen nach alten Meistern, nach eigenen Vorlagen oder nach der Natur in Aquarell-, Öl- oder Acrylfarben.
Sprachen gemeinsam die Totenehrung: Schwelms Bürgermeisterin Gabriele Grollmann und Fourqueux' Bürgermeister Daniel Level.
Schülerinnen und Schüler des Märkischen Gymnasiums trugen zu Herzen gehende Gedichte und Betrachtungen zum Thema "Zwang" und "Flüchtlinge" vor.
Der Volkstrauertag wird stets von der Freiwilligen Feuerwehr Schwelm begleitet. Ihr Musikzug spielte zum Gedenken nachdenkliche Weisen.
Stilles Gedenken auch am Erinnerungsstein für die Heimatvertriebenen, hier mit Achim Czolbe, dem Vorsitzenden der Landsmannschaft Ostseestrand.
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