Coronabedingt keine Heimatfestkirmes / Schausteller-Sprecher: „Für unsere Branche ist es 5 nach 12!“ / Stadt zeigt Perspektiven auf

Das Wort „Heimatfest“ umfasst in Schwelm eine ganze Welt. Neben dem Heimatfestzug der 13 Schwelmer Nachbarschaften zählt dazu als zweite große Säule die fünftägige Innenstadtkirmes. Heimatfest ist mehr als „Kult“, das Heimatfest ist ein Lebensgefühl. Umso schmerzhafter ist es nun, dass das Heimatfest 2020 wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden kann.

Schon früh hatten sich Bund und Land darauf verständigt, Volksfeste zunächst bis einschließlich 31. August nicht zu gestatten. Auf Grund der Entscheidung der Regierungschefinnen und -chefs in der Konferenz mit der Bundeskanzlerin am 17. Juni, Großveranstaltungen, bei denen eine Kontaktverfolgung und die Einhaltung der Hygieneregelungen nicht möglich ist, bis mindestens Ende Oktober 2020 nicht durchzuführen, wurde die Heimatfestkirmes 2020 abgesagt.

Schon früh hatte DACHO-Chefin Christiane Sartor das Aus für den diesjährigen Heimatfestzug angekündigt, denn „Wir haben keine Sommerfeste und dergleichen ausrichten können, mit deren Erlös wir den Festzug ja finanzieren“. Mit der Entscheidung vom 17. Juni hat sich die Schicksalsfrage auch für die Schausteller beantwortet.  

Die ganze Zeit hindurch hatten Stadtverwaltung und Kirmesbeschicker über deren Sprecher Dirk Wagner im engen Austausch miteinander gestanden. Im Rahmen eines Pressegesprächs im Schwelmer Rathaus sagte Schwelms 1. Beigeordneter Ralf Schweinsberg jetzt: „Wir können das große Problem der Schausteller als einzelne Gemeinde nicht lösen. Wir können nur immer wieder betonen, wie sehr die Schausteller mit ihrer Kirmes seit undenkbaren Zeiten zu uns gehören und dass wir mitfühlen“. Bevor er Wege aufzeigte, wie Verwaltung und Politik den geschätzten Heimatfestfreunden entgegenkommen möchten, gab er das Wort an Dirk Wagner, damit dieser umfassend aufzeigen konnte, wie es um die Situation der Schausteller aktuell bestellt ist.

„Wir haben mit den Weihnachtsmärkten 2019 zum letzten Mal Geld verdient, d.h. wir sind seit langer Zeit ohne Einnahmen. Wir erkennen die Bemühungen des Bundes um Überbrückungshilfe an, doch sind diese Maßnahmen für uns nicht zielfördernd. Wir dürfen nicht arbeiten. Für unsere Branche ist es 5 nach 12“, so D. Wagner, dessen Familie in der 7. Generation im Schaustellerberuf tätig ist.

Dem Sprecher der Schausteller, der auch im Landesverband sowie im Bundesverband engagiert ist, erscheint es ungerecht, dass zwar Kitas und Schulen wieder geöffnet wurden, Fußgängerzonen sich füllen und Freizeitparks Gäste empfangen dürfen: „Nur wir dürfen uns nicht betätigen“. Nachdruck soll den Forderungen eine Demonstration verleihen, die die Schausteller am heutigen Donnerstag in der Bundeshauptstadt durchführen werden. Außerdem bereite der Verband eine Klage vor.

Die Schausteller haben versucht, mit temporären Freizeitparks z.B. in Hagen und Dortmund, kleinere Alternativangebote zu schaffen, doch stünden Aufwand und Investition in keinem Verhältnis zum Ertrag. Festzustellen sei bei den Bürger/innen allgemein eine Zurückhaltung, die der Pandemie geschuldet sei. Nun ruhe die Hoffnung auf den Weihnachtsmärkten, mit denen 30 bis 50 Prozent des Jahresumsatzes erwirtschaftet würden.

Auch Christian Rüth, Leiter des städtischen Fachbereichs Bürgerservice (Ordnungsamt) und seit vielen Jahren zuständig für die Organisation der Schwelmer Kirmes, bedauerte das Nichtzustandekommen der Heimatfestkirmes sehr. Man habe eigens für das Heimatfest 2020 im Vorfeld besondere Vorkehrungen getroffen, um den Schwelmern und den Besuchern angesichts des Baubeginns des Kulturhauses an der Römerstraße eine Kirmes mit garantiertem Rundlauf über ein kaum eingeschränktes Kirmesgelände bieten zu können. Dafür hätten sich Stadt und Dirk Wagner immer wieder vor Ort getroffen und lange am Entwurf gefeilt, damit am Ende – wie immer - eine Kirmes aus einem Guss gestanden hätte.

„Wir möchten den Schaustellerinnen und Schaustellern, die für uns ganz einfach zu Schwelm gehören, unsere Nähe aussprechen. Wir haben nach Wegen gesucht, eine Linderung in der Misere anzubieten“, so Ralf Schweinsberg, der im Folgenden erläuterte, was er schon in der Ratssitzung am vergangenen Donnerstag, dem 25. Juni, mitgeteilt hatte:

„Den Schaustellern, die bereits für die Heimatfestkirmes 2020 einen Stellplatz vertraglich zugesichert bekommen haben, wird angeboten, diesen Stellplatz auf der Heimatfestkirmes 2021 in Anspruch zu nehmen. Damit soll den Schaustellern bereits jetzt Vertragssicherheit für das Jahr 2021 gegeben werden. Ein Ausschreibungsverfahren für das Jahr 2021 wird dadurch obsolet. Platzgelder, die bereits für die Heimatfestkirmes 2020 gezahlt wurden, werden durch die Stadtverwaltung Schwelm erstattet.

Da routinemäßig noch in diesem Jahr eine Neukalkulation der Standgelder für die Heimatfestkirmes erforderlich wird, beabsichtigt die Stadtverwaltung Schwelm in diesem Zusammenhang dem Rat der Stadt Schwelm einen Vorschlag zu unterbreiten, der für die stark in Mitleidenschaft gezogene Schaustellerbranche eine Erleichterung darstellen kann. Diese Neukalkulation kann aber erst nach der Sommerpause erfolgen, so dass die Einbringung im Herbst stattfinden wird“. In diesen Tagen werden die rund 160 Schausteller, die eigentlich in diesem Jahr die Schwelmer Kirmes ausgerichtet hätten, über diese Perspektiven unterrichtet.

Um auch ohne Heimatfest 2020 das Heimatgefühl zu beleben, wird die DACHO in diesem Jahr eine Heimatfestzeitschrift herausgeben. Außerdem möchten DACHO und Nachbarschaften auch in diesem Jahr weitere Heimatfestakzente setzen.

Schwelm, den 2. Juli 2020

 

Sie alle bedauern, dass coronabedingt kein Heimatfest 2020 stattfinden wird: Schausteller-Sprecher Dirk Wagner, DACHO-Chefin Christiane Sartor, Schwelms 1. Beigeordneter Ralf Schweinsberg und Christian Rüth, Leiter des Fachbereichs Bürgerservice. Foto: Stadtverwaltung Schwelm / Heike Rudolph
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