Mit dem „Hermann“ fing es an: Stadtarchivar Jens Möllenbeck blätterte im Museumsgespräch Schwelms lange Pressegeschichte auf

Wer morgens seine Tageszeitung liest, ist an Neuigkeiten und Informationen aus Stadt und Umfeld interessiert. Zeitungslesen ist so selbstverständlich, dass man kaum je darüber nachdenkt, wie weit die Pressegeschichte der eigenen Stadt zurückreichen könnte.

In einem Museumsgespräch im Haus Martfeld zog Stadtarchivar Jens Möllenbeck jetzt vor interessierten Bürger/innen den Bogen vom ersten Schwelmer Presseerzeugnis im 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

In Schwelm verbinden sich die Themen „Druck“ und „Presse“ maßgeblich mit dem Namen „Scherz“. Moritz Scherz gründete seine Firma 1798; er wollte eine Zeitung herausgeben und es war ihm gelungen, an die Namensrechte des „Hermann“ zu gelangen.

Scherz gab diese „unter seiner Herausgeberschaft nur noch wenig politische Wochenzeitung“ von 1823 bis 1832 heraus und begründete mit seinem publizistischen Engagement eine 150 Jahre dauernde Marktführerschaft im hiesigen Raum.

Schon im 19. Jahrhundert kannte man, was man heute „relaunch“ nennt und womit man ein im Grunde eingeführtes Produkt in Inhalt und Stil sowie gestalterisch an moderne Zeiten anpasst. So geschah es auch beim „Hermann“, auf den „Das Wochenblatt“ folgte. Die gefragten Namensrechte des „Hermann“ gingen zunächst an eine Druckerei in Barmen, 1834/35 wieder nach Schwelm und schließlich nach Düsseldorf.

„Das Wochenblatt für den Stadt- und Landgerichtsbezirk Schwelm“ erschien bis 1848 zweimal wöchentlich als Faltblatt und wurde 1849 von einem neuen Produkt abgelöst, dem „Beobachter an der Bergisch-Märkischen Eisenbahn“; dieses Presseerzeugnis erschien bis Mitte der 1860er Jahre.

Clever hatte die Firma Scherz, die schon über die zeitgemäßen technischen Neuerungen des Druckgewerbes verfügte, die „Eisenbahn“ mit in den Titel aufgenommen, um Modernität und Fortschrittsoptimismus zu signalisieren. Immerhin war Schwelm schon vergleichsweise früh, nämlich 1847, an das epochemachende neue Transportmittel angeschlossen worden, das in ungeheurer Weise Zukunft bedeutete. Natürlich wurde im „Beobachter“ auch der Fahrplan abgedruckt, demzufolge man für die Strecke Düsseldorf-Schwelm-Soest fünf Stunden Fahrtzeit benötigte.  

Der „Beobachter“ war gut etabliert, als die Firma Scherz 1864 als Nachfolgeblatt die „Schwelmer Zeitung“ begründete und mit diesem Titel die enge Bindung der Bürger an ihre Stadt herausstrich. „Die Zeitung wuchs mit den Ansprüchen ihrer Leser. Die eher konservative ,Schwelmer Zeitung‘ erschien dreimal in der Woche und ab 1887 sechsmal pro Woche, war jetzt also eine richtige ‚Tageszeitung‘ “ erläuterte Jens Möllenbeck.

Mit seinen Besucher/innen teilte er das Erstaunen darüber, wie stattlich sich der Anzeigenteil entwickelte, den viele Anbieter zum Bewerben der eigenen Produkte und Dienstleistungen nutzten. Schon damals zeigte sich das grafische Gewerbe auf der Höhe der Zeit, in dem es die Annoncen anspruchsvoll gestaltete.

Für die Teilnehmer/innen des Museumsgesprächs hatte Schwelms Stadtarchivar eine Besonderheit markiert, eine „Telegrafische Depesche“, die der Tageszeitung aus Anlass eines welthistorischen Ereignisses beigefügt wurde (Kriegsbeginn u.ä.).

Bis ins frühe 20. Jh. gab es kaum Todesanzeigen in Tageszeitungen; dies wandelte sich mit dem 1. Weltkrieg. Annoncen kosteten viel Geld und Jens Möllenbeck berichtete schmunzelnd, einmal auf eine Anzeige gestoßen zu sein, in der ein Bürger fragte, ob sich jemand anderes mit ihm das Geld für ein bestimmtes Inserat teilen würde!

Zu nennen ist noch das freisinnige „Schwelmer Tageblatt“, das ab 1896 erschien, ab 1905 von Joseph Buschmann herausgegeben wurde und 1934 sein Erscheinen einstellen musste.

Die „Schwelmer Zeitung“ mit sechs Ausgaben pro Woche erschien bis 1945. Eine „SZ“ hielten die Schwelmer danach erst wieder 1949 in den Händen; ab 1950 erschien darüber hinaus in Schwelm die „Westfälische Rundschau“.

Die „Schwelmer Zeitung“ wurde 1972 vom Verlag Girardet übernommen. Dann kam es zu Neuordnungen im Zeitungsverlagswesen, und in Schwelm erschien neben der „Westfälischen Rundschau“ ab 1981 auch die „Westfalenpost“. Die Schwelmer Zeitung, die sich schon Mitte der 1960er Jahre selber als „die älteste Tageszeitung Nordrhein-Westfalens“ bezeichnete, stellte am 31.12.1980 ihr Erscheinen ein.

Heute gibt es in Schwelm von der Funke Mediengruppe die „Westfalenpost“ und die „Westfälische Rundschau.

 „Wir haben alle Ausgaben der ,Schwelmer Zeitung‘ und vom ‚Schwelmer Tageblatt‘ fehlen nur einzelne Jahrgänge - alles in leidlich gutem Zustand“, freut sich Jens Möllenbeck. Im Rahmen des Projektes „Archiv 2020“ wurden die Zeitungen des Schwelmer Stadtarchivs von ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen archivgerecht neu geordnet

Schwelm, den 11. Juni 2019

 

 

Stadtarchivar Jens Möllenbeck beim Museumsgespräch im Haus Martfeld mit einem Exemplar des „Beobachters an der Bergisch-Märkischen Eisenbahn“. Foto: Stadtverwaltung Schwelm / Heike Rudolph
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