Schwelms Bürgermeisterin: „Wir haben den Menschen, die bedrängt werden, beizustehen“: Zahlreiche Bürger/innen nahmen am bewegenden Gedenken für die Opfer des Holocaust teil

Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger aller Generationen, darunter auch viele Schülerinnen und Schüler, nahmen am 27. Januar am Gedenken für die Opfer des Holocaust teil. Die Stadt Schwelm hatte sich den Aufruf des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog aus dem Jahr 1996 schon früh zu Herzen genommen und lädt seit vielen Jahren stets an dem Tag, an dem das Konzentrationslager Auschwitz von Truppen der Roten Armee befreit wurde, zum Gedenken an die jüdischen Bürger/innen am Gedenkstein an der Südstraße 7 ein.

Der nationale Gedenktag hat längst international an Gewicht gewonnen. Indem Schwelmer Bürger/innen unserer Tage jedes Jahr an ehemalige Schwelmer Bürger/innen erinnern, die wegen ihres jüdischen Glaubens verfolgt und ausgegrenzt, misshandelt, ausgeplündert und ermordet wurden, bekräftigen sie, dass es ihnen ernst damit ist, die Opfer nicht zu vergessen und sich gegen Hass und Gewalt einzusetzen.

In ihrer Ansprache erinnerte Bürgermeisterin Gabriele Grollmann daran, dass die gerade eben wieder ausgestrahlte Fernsehserie „Holocaust“ in Deutschland Ende der 70er erstmals gezeigt wurde und damals in vielen Menschen nichts weniger als einen wichtigen Schock ausgelöst hatte.  

„Es hatte zwar bereits den Auschwitz-Prozess gegeben. Der Majdanek-Prozess lief noch bis 1981.Und viele junge Menschen hatten die Elterngeneration nach deren Verhalten im Krieg befragt. Doch das hatte nicht gereicht, um die Tatsachen über den furchtbaren Völkermord auf eine Weise an jeden Bürger heranzutragen, dass eine echte Erschütterung ausgelöst worden wäre“, spürte Gabriele Grollmann dem Zeitgefühl  nach, das gut 30 Jahre nach Kriegsende die Bundesrepublik bestimmte.  

Es habe damals noch zu viele Widerstände in Deutschland gegen eine schonungslose Aufarbeitung der Nazizeit gegeben: „Wer etwas gewusst hatte, gab an, nicht dabei gewesen zu sein. Wer etwas wissen wollte, lief vielfach sogar in den eigenen Familien vor Mauern“.  

Ob Ärzteschaft, Justiz, Verwaltungsbeamte: In allen Berufen waren nach dem Krieg Menschen tätig, denen oft nichts an Aufklärung lag, weil sie etwas miterlebt oder mitverbrochen hatten, was nicht ans Licht treten sollte.

Nach Meinung der Bürgermeisterin hat die TV-Serie „Holocaust“ eine „ungeheure, ich möchte sagen, nachgeholte Erschütterung bewirkt. Sie hat dem, was wir heute Aufarbeitung und Erinnerungskultur nennen, einen bedeutsamen Impuls gegeben“.

Denn sie habe die unbeschreiblichen Verbrechen an den jüdischen Mitmenschen, die gestern noch unsere Arbeitskollegen, Vereinsfreunde und Nachbarn gewesen waren, nun in Gestalt einer einzelnen Familie, der Familie Weiss, aufgezeigt.

Die Bürgermeisterin rief zur Wachsamkeit auch gegen eine Sprache auf, die Gewalt in sich trage und sagte: „Unsere Nähe und Fürsorge hat nicht einer Ideologie, sondern immer nur unserem Nächsten zu gelten. Wir haben dem einzelnen Menschen, der vor uns steht und bedrängt wird, beizustehen“.

Von der Stolpersteingruppe des Märkischen Gymnasiums, die seit langem das Gedenken zum 27. Januar intensiv mitgestaltet, trugen Philippa Heinz und Nils Hermann und ihre Lehrerinnen Gabriele Czarnetzki und Anke Buetz nachhaltige persönliche Eindrücke von einer gemeinsamen Gedenkstättenfahrt zum ehemaligen Konzentrationslager Majdanek vor.

Jede dieser kurzen Schilderungen griff den Teilnehmer/innen des Gedenkens ans Herz: sei es die Erkenntnis, in Majdanek an einer Stelle zu stehen, die die hilflosen Opfer einst auf ihrem Schreckensweg zu den Gaskammern passiert hatten, sei es die Begegnung mit einem Zeitzeugen, dessen Familie großes Leid erfahren hatte und der die Gesprächspartner/innen aus Schwelm durch seine innere Stärke tief beindruckte.

Mit einem Moment der Stille endete das bewegende Gedenken in Schwelm.  

Schwelm, den 1. Februar 2019

Innehalten am Gedenkstein für die Opfer des Holocaust mit Bürgermeisterin Gabriele Grollmann und ihren Stellvertreterinnen Christiane Sartor und Dr. Frauke Hortolani. Die Bürgermeisterin dankte sehr herzlich der Stolpersteingruppe mit Gabriele Czarnetzki, Anke Buetz, Philippa Heinz und Nils Hermann sowie Ingrid Andre, die seit Jahren den Schwelmer Gedenkstein betreut.
Sehr viele Bürgerinnen und Bürger nahmen am 27. Januar am Schwelmer Gedenken für die Opfer des Holocaust teil. Fotos: Stadtverwaltung Schwelm / Heike Rudolph